Montag, 9. Dezember 2013

LaB. Dante Aleghieri: Inferno. Canto xi. Die Wucherer.

Dante-Protagonist ist inzwischen schon recht tief in die Hölle vorgedrungen. Sechs von neun Höllenkreisen hat er schon durchwandert, naturgemäß ist er dankbar, zu Beginn des elften Gesangs -und vor Betreten des siebten Kreises - eine kleine Pause einlegen zu können, um sich an den Gestank zu gewöhnen. Die Wartezeit vertreibt Vergil ihm mit einer Erklärung, wie die nun folgenden drei Höllenkreise sich aufteilen.

In den ersten drei Kreisen saßen allerlei Menschen, die maßlos gewesen waren: maßlos in der Liebe, im Zorn, im Umgang mit Geld etc. Dann kamen gewalttätige Menschen, nun kommen Verräter. Alle diese Sünden können sich richten gegen den Nächsten, gegen sich selbst, und -am schlimmsten- gegen Gott. Weitere Binnenunterteilungen sind möglich und nötig. Die passende Systematik liefert immer Aristoteles - sei es mit der Ethik, sei es mit der Physik. Man lese hier, beispielsweise, um das recht komplizierte System besser  zu verstehen.

(Übrigens: die hier verlinkten Seiten nutzen die Übersetzung von Zoozmann (1922) als die "Beste".  Das kann man machen, aber jede Übersetzung ist auch Interpretation, und jede Übersetzung hat Vor-und Nachteile. Besser, man vergleicht mehrere Fassungen, so bekommt man gleich ein paar Interpretationshilfen frei Haus. Pro-Zoozmann spricht jedenfalls, das er das Terzinen-Versschema beibehält, das ist gar nicht so einfach. Dafür ist er nicht immer so nah am Originaltext, wie es manchmal zu wünschen wäre.)

Dante-Protagonist --eine echte Watson-Figur!-- fragt dankenswerterweise mehrfach nach, sodass auch wir ahnungslosen Leser das sorgfältig austarierte Gewichten der Sünden verstehen. Schließlich hat sich Dante-Dichter einiges dabei gedacht und nichts dem Zufall überlassen in der Art und Weise, wie er "seine" Sünder innerhalb der Höllen-Sünden-Strafen-Hierarchie platziert.

Überraschenderweise, für Dante-Protagonist und uns moderne Leser auch, finden sich im dritten Unterkreis des siebten Höllenkreises -Sünden wider Gott- die Wucherer. Oder, wie wir heute sagen würden: die Banker. Dante-Protagonist insistiert:
Jedoch erinnre dich: du hast bezichtigt
Den Wuchrer, dass er Gott Beleidigungen
Zufügt? – Der Zweifel sei mir noch beschwichtigt!“ –
Und Vergil erklärt (und ich wähle hier einmal die extrem originaltextferne, aber wunderbar interpretierend-erklärende Versübersetzung von Pochhammer (1901), übrigens sehr schöne Ausgabe mit Buchschmuck von Heinrich Vogeler):
[...]
"Du sollst", sprach Gott - wer dürfte das vergessen? -
"Dein Brot im Schweiße des Angesichtes essen" -

Der Wucher aber geht auf andern Wegen.
Natur und Arbeit, beide er verschmäht,
Somit auch beider Gotteskinder Segen,
Bis in den Kreis der Untat er gerät.
[...]
Der Wucherer/Bänker sündigt also bei Dante nicht gegen seine Mitmenschen, sondern gegen Gott selbst. 
Die Begründung dafür scheint heute altmodisch - Geld für sich arbeiten zu lassen statt selbst zu arbeiten, Zinsen zu nehmen - das ist heutzutage, im Zeitalter des globalen Bankenkapitalismus, nicht nur nicht mehr unsittlich, es ist sogar erstrebenswert, normal, wirtschaftlich richtig.

Überraschend fand ich beim Lesen vor allem die Erinnerung daran, wie alt die Diskussion über den Finanz-Zins-Markt schon ist (auch Jesus warf die Geldwechsler aus dem Tempel; Matthäus 21,12ff EU; Markus 11,15ff EU; Lukas 19,45ff EU; Johannes 2,13–16 EU), und wie weit das Unbehagen über das "mühelose" Geldverdienen der Geldwechsler/Wucherer/Bänkster historisch zurückreicht. Unabhängig davon, ob wir die aristotelisch-theologische Begründung von Dante-Dichter akzeptieren oder nicht, so erinnert seine tiefe Abscheu gegen die Wucherer (angezeigt durch ihre vergleichsweise heftige Bestrafung innerhalb seiner Hölle) frappierend an die Heftigkeit der Boni-Diskussionen im Nachklang der letzten Finanzkrise.
Warum interessiert es denn so viele Menschen so sehr, was eine bestimmte Branche meint, ihren Angestellten zahlen zu müssen?
(Es handelt sich bei den meisten Investmentbanker/Tradern ja nicht einmal um Managementpositionen mit Führungsaufgaben - im Organigramm stehen sie relativ weit unten...) 
Wir haben schließlich einen freie Berufswahl in Deutschland (und dem Großteil des betroffenen Auslands) - wer viel Geld verdienen will, kann sich, theoretisch, mit siebzehn darüber informieren und entsprechende Karriereschritte einleiten.
Aber ist es wirklich nur eine Neid-Debatte? Das wird ja immer behauptet: dass man in Deutschland nicht erfolgreich sein dürfe, zumindest dürfe man seinen Erfolg nicht nach außen zeigen (mein Haus, Auto, Yacht...), das rufe Neider auf den Plan.
Ich bin nicht so sicher. Mit Dante meine ich, dass wir unsere judo-christliche, westlich-kapitalistische Kultur nicht auf ein (Dante natürlich noch unbekanntes) Bild von calvinistischer Erwerbsethik reduzieren dürfen.
Nach dieser Auffasung ist ja bekanntlich Erfolg (=Reichtum) ein Zeichen von Gottes Wohlwollen - wer hart arbeitet, wird von Gott reich belohnt. Umkehrschluss: wer reich (belohnt) ist, hat Gottes Anerkennung. Ein Fehlschluss, sicher, man darf schließlich nicht von der Wirkung auf die Ursache schließen. Außerdem kennen wir alle sehr sehr viele Menschen, zählen uns womöglich selbst dazu, die hart arbeiten und trotzdem nicht reich sind. (Ob sie Gottes Wohlwollen haben und/oder sonstwie glücklich sind, kann hier nicht erörtert werden).
Auf jeden Fall zeigt die Passage, dass das Unbehagen gegenüber der Art und Weise, wie der Reichtum der Wucherer/Bänker entsteht, schon sehr alt ist, sozusagen in unserer kulturellen DNA steckt:
Der Wucherer, so fühlen wir, wird reich - ohne etwas zu Produzieren, ohne eine Dienstleistung zu erbringen, ohne einen Gegenpart in der realen, materiellen Welt zu schaffen. Der Tauschwert des Geldes wird vom Tauschwert der Ware oder Dienstleistung entkoppelt.
Oder, um es mit Aristoteles zu sagen:

"So ist der Wucher hassenswert, weil er aus dem Geld selbst den Erwerb zieht und nicht aus dem, wofür das Geld da ist. Denn das Geld ist um des Tausches willen erfunden worden, durch den Zins vermehrt es sich dagegen durch sich selbst. Diese Art des Gelderwerbs ist also am meisten gegen die Natur."
Moderne Volkswirte mögen diese Ansicht falsch finden. Vielleicht haben sie recht. Andererseits finden moderne Volkswirte meines Wissens auch galoppierende Inflation oder ebensolche Deflation falsch. Und es sind doch vor allem die exzessiven Gehälter der Investmentbanker, die mit so viel Unbehagen betrachtet werden (Boni von 300% und mehr) -nicht die Tatsache, dass sie überhaupt ein Gehalt bekommen. 300% mehr verdienen als das, was meine Arbeit laut Arbeitsvertrag eigentlich wert ist?
Liebe Volkswirte: rechnet doch nochmal nach. Aber belasst es nicht bei der Mathematik. Denkt daran, dass Ihr eigentlich Sozialwissenschaftler seid...

Lernen aus Büchern:
Maß halten. Und schauen, wem man schadet - es ist schlimmer, sich selbst zu schaden, als "nur" anderen. Es ist schlimmer, wissentlich wider bessere (gottgebene) Vernunft zu handeln, als aus Maßlosigkeit oder Bosheit. Am meisten leidet, wer gegen (gesellschaftliche, göttliche, moralische) Normen verstößt.

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