Dienstag, 23. August 2016

Fettlogik überwinden. Teil 2: Das Buch anschauen, aber noch nicht lesen, weil man ja eh weiß, was drin steht.

Das Buch "Fettlogik überwinden" von Dr. Nadja Hermann landete an dem Tag im Briefkasten, an dem ich ins Krankenhaus zur Entbindung fuhr.  
Das schien der passende Zeitpunkt, denn mein gefühlt "richtiges" Übergewicht (ich unterscheide hier nicht zwischen den Stufen "Übergewicht - adipös - schwer adipös etc) ging tatsächlich erst mit meiner ersten Schwangerschaft vor vier Jahren los. Zwar war ich auch vorher schon dick, aber erst mit den ü100 wurden mir die körperlichen Einschränkungen richtig bewusst bzw. begannen, sich wirklich störend auf meinen Alltag auszuwirken. Ab 100kg konnte ich wirklich gar keine Kleidung mehr in "normalen" Geschäften einkaufen. Für Unterwäsche wurde ich im Kaufhaus gleich an die Wühltische geschickt (wo es auch nur Schlüpfer bis Größe 48 gibt), als sei mein Geld noch wertloser als ich. Und wer mal "Umstandsmode Übergrößen" gegoogelt hat, stellt fest, dass auch hier das Angebot jenseits der 46 (plus Babybauch) sehr sehr dünn (ha!) ist. Auch die Sitze mit den Armlehnen in der Bahn oder im Kino erinnerten mich daran, dass ich die Norm sprengte.

Weil ich immer öfter unter Essattacken litt - nicht: Heißhunger durch die Schwangerschaft. Der kam extra - wandte ich mich an eine Psychologin, mit der Eigendiagnose "Binge Eating". Die empfahl mir ein Buch, nach dessen Lektüre ich genausoviel wusste wie vorher (ich glaube, ich leide an Binge Eating Attacken), und weigerte sich ansonsten, mir zu helfen. Denn wer schwanger ist, soll ja keine Diät machen, und beim Stillen nimmt man das alles ja ohnehin ganz schnell wieder ab.
Ich war schwanger, schrieb die Doktorarbeit fertig, reichte sie ein und fing wieder an, 200km zur Arbeit zu pendeln. Ich nahm weiter zu (schwanger), verteidigte die Diss bereits im Mutterschutz, bekam das Kind - und dann, völlig unerwartet, starb das Baby.
Um eine sehr lange, schwere Trauerphase in ein paar themenrelevante Sätze zu fassen - statt beim Stillen abzunehmen, aß ich Apfelkuchen. Und nahm zu. Auch die Binge-eating-Anfälle häuften sich. Ich begann eine Therapie mit insgesamt drei verschiedenen Therapeuten, die mir gut über die Trauer halfen, und auch die nahtlos folgende Depression konnte ich erstmal überwinden. Das Thema "Essen" stand aber aufgrund der "aktuellen" Probleme immer hintenan.
Zu Beginn der heißersehnten zweiten Schwangerschaft wog ich etwa 129 kg. Ich nahm mir vor, diesmal die Gewichtszunahme zu kontrollieren. Wer normalgewichtig schwanger wird, muss sich gewiss ein bisschen Fett bunkern um für das Zusammenbauen eines kleinen Menschen, die anstrengende Geburt und die zehrende Stillzeit gerüstet zu sein. Man futtert sich also 6-9 Monate an, was man beim Stillen in 6-12 Monaten wieder verbrauchen würde. Da ich dieses Polster schon angelegt hatte - und  es für Vierlinge gut reichen würde - wollte ich versuchen, mein Gewicht so lange wie möglich zu halten.
Die gute Nachricht ist: das ist mir auch gelungen! Psychisch ging es mir viel besser, die stressige Arbeit hatte ich gekündigt, sodass auch das Pendeln wegfiel - die Binge-Attacken gingen dadurch sehr stark zurück. Zudem war mir im ersten Trimens war mir gerade genug schlecht, um keine große Lust zum Essen zu haben. Im zweiten Trimens entwickelte ich Heißhunger auf Hühnchen und Salat. Erst im dritten Trimens nahm ich etwa 5-6kg zu, die größtenteils aus Wasser bestanden. Nach der Geburt eines (gesunden, wunderschönen) Babys wog ich noch etwa 123kg, hatte also während der Schwangerschaft faktisch sogar abgenommen, und hielt das Buch "Fettlogik überwinden" in der Hand.

Das war der unpassendste Zeitpunkt, denn ganz ehrlich, ich hatte gerade besseres zu tun, als zu lesen. Egal was. Zudem hieß es nun immer öfter, dass man in der Stillzeit nicht abnehmen soll (bzw. keine Abnehmdiät machen soll, denn man nimmt ja bei "normaler" Ernährung normalerweise durch den erhöhten Energiebedarf beim Stillen ab), um keine "alten" Fettzellen abzubauen, in denen allerlei Schadstoffe gelagert würden, die dann sofort in die Muttermilch wandern würden... Da stand ich nun: einerseitswürde ich gerne mit dem Kind spielen können, wenn es erstmal mobil wird. Zur Zeit wäre das körperlich sehr schwierig für mich. Andererseits will ich natürlich dem Kind nicht schaden, in dem ich ihm meine wohldeponierten alten Gifte in die Milch mische.
Ich verschob das Thema Abnehmen und konzentrierte mich auf die wirklich wichtigen Dinge: kuscheln und schlafen. Diät halten kann ich ja immer noch, und ich glaubte ja zu wissen, was in dem Buch stehen würde.

Meine Auseinandersetzung mit dem Buch erfolgt gründlich und ausführlich und kann hier nachgelesen werden. Was bisher geschah:
Vorspiel: Mein dickes Ich.
Teil 1: Um das Buch herumlesen.

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