Dienstag, 30. August 2016

Fettlogik überwinden. Teil 3: Das Buch lesen.



Irgendwann, als sich ein gewisser Rhythmus einzupendeln begann mit dem Säugling, seinem Bedürfnis nach Essen und Schlafen und meinem Bedürfnis nach Essen und Schlafen, fand ich endlich die Zeit und Ruhe, das Buch „Fettlogik überwinden“ von Dr. Nadja Hermann zu lesen und den tatsächlichen Inhalt mit meinen Erwartungen an den Inhalt abzugleichen.

Was steht denn nun drin im Buch? 
 In weiten Teilen tatsächlich das, was ich erwartet hatte. Fangen wir mit den formalen „Äußerlichkeiten“ an: Das Buch verrät seine Herkunft aus einem Blog recht deutlich, denn es besteht aus vielen teils sehr kurzen Kapiteln. Fast jedes dieser Kapitel widmet sich gezielt einer „Fettlogik“, also einer Vorstellung von den Wirkweisen der Ernährung, die im kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung fest verankert ist und als Glaubenssatz rund um Diäten und Abnehmen fungiert. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um Forschungsergebnisse, die einseitig interpretiert bzw. verkürzt oder sogar ganz falsch wiedergegeben wurden oder sonstwie missverstanden wurden/werden.
Nadja Hermanns großes Verdienst besteht darin, die ursprünglichen Studien zu dem jeweiligen Thema (Hungerstoffwechsel, Setpoint, keine Kohlehydrate nach 18 Uhr…) ausfindig gemacht und gelesen zu haben. Wie die ordentliche Wissenschaftlerin, die sie ist, hat sie also den Forschungsstand gesichtet, die Quellen untersucht und eingeordnet (wer hat so eine Studie eigentlich bezahlt), und vor allem die Methodik auf Herz und Nieren geprüft. Ist eine Studie mit der Teilnehmerzahl X überhaupt aussagekräftig? Was kann man über das tatsächliche Essverhalten sagen, wenn man die Teilnehmer*innen nur befragt, aber nicht beobachtet?
(Besonders schön hat sie diese akademische Arbeitsweise übrigens kürzlich noch einmal durchexerziert bei der Serie vonBlogposts über die „Biggest Loser“-Studie.
Dabei gelingt es ihr, die trockene Materie allgemeinverständlich aufzubereiten und mittels Beispielen, teils aus dem eigenen Leben, anschaulich zu erklären, ohne herablassend zu wirken ("wie kann man so blöd sein und so etwas glauben") - denn allzuoft hatte sie es ja selbst geglaubt, bzw. wider besseres Wissen nicht hinterfragt. Manchmal ist es ja auch sehr bequem, das Falsche zu glauben, denn wenn die Welt tatsächlich eine Scheibe wäre, ersparte man sich eine Menge anstrengender Tage auf See Richtung „Indien“… 

Den gefühlt größten Teil des Buches widmet Frau Hermann allerdings ernährungsbedingten (bzw. übergewichtsbedingten) Krankheiten. Hier war ich dann doch ein bisschen überrascht, WIE SCHÄDLICH schon wenige Extra-Pfunde für den Menschen sein können. Und selbst wer nicht an Diabetes, Herz-Kreislauf, Arthrose oder was auch immer erkrankt – es gibt sie ja, die fitten Dicken – lebt eben um einiges unbequemer. Denn, seien wir ehrlich, man kann sich ja an viele kleine Unannehmlichkeiten gewöhnen und damit einrichten, die einem erst auffallen, wenn sie wegfallen… Frau Hermann tut ihr Bestes, dass niemand sich mehr einreden kann, die Extrakilos störten nicht oder wären nicht so schlimm. Sie stören! (ich gebe es zu!) und sie sind eben offenbar viel schlimmer als gedacht (auch wenn man einen BMI von weniger als 40 hat). 

Was Nadja Hermann nicht tut, ist konkrete Hinweise auf eine „funktionierende“ Diät zu geben. „Fettlogik überwinden“ ist kein Diätratgeber. Sie macht klar, dass zum Abnehmen allein die Kalorienbilanz zählt, egal wie man diese erreicht. Wer also mit einem Energiebedarf von 2500 kcal. zum Frühstück, Mittag- und Abendessen jeweils eine Tafel Schokolade isst, und als Snack noch ein Snickers, wird (wahrscheinlich) ein Defizit haben und damit abnehmen. DASS EINE SOLCHE ERNÄHRUNG NICHT GESUND IST, setzt sie als bekannt voraus und empfiehlt es auch nirgendwo.
Wer aber wissen möchte, wie man sich gesund und ausgewogen ernährt, muss ein anderes Buch lesen oder eine Ernährungsberatung machen
Wohl betont sie, wie wichtig Eiweiß (=Proteine) sind, da es als einziger Ernährungsbaustein (Fett, Kohlehydrate, Eiweiß) vom Körper nicht synthetisiert werden kann. Kurz gesagt kann der Mensch aus Kohlehydraten Fett machen (einlagern) und umgekehrt, aber Eiweiß muss durch die Nahrung zugeführt werden. Wie man trotz Energiedefizit und Sport aufgrund von Eiweißmangel NICHT abnehmen kann, erklärt sie sehr gut. Irgendwo findet sich auch der Hinweis, dass man etwa 7000 kcal einsparen muss, um ein Kilo Fett abzunehmen – Gewichtsschwankungen, die unabhängig von diesem Defizit größer oder kleiner ausfallen sind so gut wie immer auf Wassereinlagerungen (oder eben „Auslagerungen“) zurückzuführen, z. B. durch Hormonschwankungen im Rahmen des weiblichen Zyklus.

Keine Antworten erhielt ich auf meine sehr konkreten Fragen bezüglich Umgang mit Essstörungen – aber das wäre vielleicht auch zu viel verlangt gewesen, denn das Buch ist wie gesagt kein Ratgeber und keine Anleitung, und auch für Menschen mit Essstörung gilt die Regel mit dem Energiedefizit. Auch die zugegebenermaßen gleichermaßen spezielle Frage nach Gewichtsabnahme in der Schwangerschaft und Stillzeit wurde nicht beantwortet. Ist es wirklich auch für Schwangere mit sehr hohem BMI schädlich, abzunehmen, solange kontrolliert und gesichert ist, dass alle essentiellen Nährstoffe zum Bau eines kleinen Menschen zur Verfügung stehen? Sicherlich ist Übergewicht nicht nur mühsam, sondern auch schädlich für Mutter und Baby? Es geht ja nicht nur um die Belastung der Gelenke, sondern auch um ein erhöhtes Diabetesrisiko und ggf. eine genetische Vorbelastung für das Kind.
Disclaimer: Ich selbst wog nach der Geburt faktisch etwa 6 kg weniger als zu Beginn der Schwangerschaft, allein weil ich mich viel gesünder ernährt habe (glücklicherweise richtete sich mein Heißhunger nicht auf Schokopudding mit Essiggurken, sondern auf viel Salat und Geflügel, dazu kam gegen Ende eine leichte Schwangerschaftsdiabetes mit den entsprechenden Ernährungsvorschriften).
Und was hat es auf sich mit den in die Fettzellen eingelagerten Schwermetallen, die bei einer Diät freigesetzt und in Muttermilch (oder gleich in Baby-Bausteine?) übergehen? Ist das wirklich so? und wenn ja, ist das wirklich in dem Ausmaße so, dass es schädlich wäre? und wenn ja, was ist schädlicher fürs Baby: eventuelle Schadstoffe, auch beim (natürlichen) Abnehmen dank Stillen, oder gar nicht Stillen? Antworten zu diesem Themenkomplex wären eine schöne Ergänzung für eine Neuauflage, denn ich bin sicherlich nicht die einzige Frau, die sich vor, während oder nach ihrer Schwangerschaft Gedanken um ihr Gewicht macht...
Ein letzter kleiner Kritikpunkt: ich persönlich finde den Begriff der "Fettlogik" etwas unglücklich. Offenbar stammt er aus einem englischsprachigen Forum zum Thema und erklärt sich aus diesem Kontext, aber es handelt sich eben nicht um Logik, noch nicht einmal um folgerichtig-logische Zusammenhänge innerhalb eines geschlossenen (Glaubens-)Systems, sondern um Halbwahrheiten, Mißverständnisse und Lügen rund um Ernährung. Ich störe mich an dem Wort, weil es zu euphemistisch mit diesen (Verständnis-)Fehlern umgeht und sie oberflächlich verharmlost. Aber hey, vielleicht bin das nur ich.
Habe ich es bereut, das Buch gelesen (und sogar gekauft) zu haben? Nein. Das Buch ist informativ, gut geschrieben und kann dank des enormen Anhangs den Einstieg in eigene "Forschung" und Bewertung des Themenkomplexes bieten. Selbst wenn man also wenig wirklich Neues erfahren haben sollte, so bekommt man einen guten Reader und ausgezeichnete Denkanstöße. 
Was fehlt mir noch? Außer den oben schon genannten Ernährungsmythen zu Schwangerschaft und Stillzeit (dass man nicht "für zwei" isst, wird behandelt!) hätte ich mir doch ein wenig mehr Information dazu gewünscht, wie Frau Hermann konkret vorgegangen ist - nicht so sehr im Sinne einer "so-müsst-ihr-das-auch-machen"-Anleitung, aber als Anregung. Vielleicht auch eine (vorsortierte) Sammlung (internetbasierter) Tools - Sportvideos bei youtube, fddb-Apps etc. (Ja ich könnte das selbst recherchieren, aber ich bin faul.) Vielleicht gibt es aber das how-to auch als Folgeband? Wer weiß... Zumindest räumt sie vielen "Fans"/Leser*inne*n auf ihrem Blog Platz ein, sodass man sich dort noch so manche zusätzliche Anregung holen kann. Und dann gibt es noch ein Forum...
Tja, und was mache ich jetzt mit dem Gelernten? Wenn ich etwas damit mache, ist es demnächst hier zu lesen...

Meine Auseinandersetzung mit dem Buch erfolgt gründlich und ausführlich und kann hier nachgelesen werden. Was bisher geschah:

Vorspiel: Mein dickes Ich.
Teil 1: Um das Buch herumlesen.
Teil 2: Das Buch anschauen, aber noch nicht lesen, weil man ja eh weiß, was drin steht.

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