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Mittwoch, 9. August 2017

Notizen zur Digitalen Kommunikation



Seit einigen Jahren interessiere ich mich immer mehr dafür, wie die Digitalisierung unsere Umgebung und unser Kommunikationsverhalten verändert. Als Rhetorikerin finde ich es faszinierend, wenn jemand von „elegantem Code“ spricht – eine für mich unerwartete Analogie zur „normalen“ Sprache, in der es ebenfalls einen großen Unterschied gibt zwischen „schreiben können“ (Buchstaben zu Wörtern formen) und „schreiben können“ (Wörter zu Sätzen formen) und dem professionellen Schreiben der „Dichter“ (Schriftsteller, Autoren aller Art, auch Journalisten), die das zielgerichtete Schreiben in unterschiedlichen Stilen, Stimmen und Gattungen beherrschen Mit dieser bewußten, überlegten Zielgerichtetheit beschäftigt sich die Allgemeine Rhetorik, und deshalb habe ich das Fach studiert.
Ich glaube, dass die allgemein genutzte Gegenüberstellung von digitaler und analoger Kommunikation zu kurz greift. Natürlich kann man analoge Texte digitalisieren, online stellen und sie maschinenlesbar machen. Aber das macht keinen Roman, kein Gedicht zum digitalen Text. So wie sich das aufgeführte Drama vom still und allein gelesenen Roman oder der Zeitungsbericht vom Rechtsgutachten unterscheidet, so gesellt sich das digitale als eigenständige Gattung mit wesenstypischen Merkmalen gleichberechtigt neben das mündliche und das schriftliche Kommunizieren. Denn es enthält durch die Möglichkeit der Einbeziehung von Bild, Ton und Film beim Lesen auch performative Elemente.
Vor allem aber bietet der Einsatz von Hyperlinks Optionen, die Assoziationen des Lesers zu steuern, die weit über die Möglichkeiten des normalen „Framing“ hinausgehen: konnte sich der Orator bisher gerade bei heterogenem Publikum selten darauf verlassen, dass dieses den gewünschten Kontext assoziiert, erhält er mittels des Hyperlinks eine größere Deutungshoheit über die gewünschten mitzudenkenden Hintergründe, Informationen oder Bilder. Die zielgerichtete Botschaft kann daher über digitale Kanäle im Idealfall mit viel geringerem Streuverlust vermittelt werden, als es bspw. ein mündlicher oder papiergedruckter Vortrag könnte.

Dienstag, 30. August 2016

Fettlogik überwinden. Teil 3: Das Buch lesen.



Irgendwann, als sich ein gewisser Rhythmus einzupendeln begann mit dem Säugling, seinem Bedürfnis nach Essen und Schlafen und meinem Bedürfnis nach Essen und Schlafen, fand ich endlich die Zeit und Ruhe, das Buch „Fettlogik überwinden“ von Dr. Nadja Hermann zu lesen und den tatsächlichen Inhalt mit meinen Erwartungen an den Inhalt abzugleichen.

Was steht denn nun drin im Buch? 
 In weiten Teilen tatsächlich das, was ich erwartet hatte. Fangen wir mit den formalen „Äußerlichkeiten“ an: Das Buch verrät seine Herkunft aus einem Blog recht deutlich, denn es besteht aus vielen teils sehr kurzen Kapiteln. Fast jedes dieser Kapitel widmet sich gezielt einer „Fettlogik“, also einer Vorstellung von den Wirkweisen der Ernährung, die im kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung fest verankert ist und als Glaubenssatz rund um Diäten und Abnehmen fungiert. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um Forschungsergebnisse, die einseitig interpretiert bzw. verkürzt oder sogar ganz falsch wiedergegeben wurden oder sonstwie missverstanden wurden/werden.
Nadja Hermanns großes Verdienst besteht darin, die ursprünglichen Studien zu dem jeweiligen Thema (Hungerstoffwechsel, Setpoint, keine Kohlehydrate nach 18 Uhr…) ausfindig gemacht und gelesen zu haben. Wie die ordentliche Wissenschaftlerin, die sie ist, hat sie also den Forschungsstand gesichtet, die Quellen untersucht und eingeordnet (wer hat so eine Studie eigentlich bezahlt), und vor allem die Methodik auf Herz und Nieren geprüft. Ist eine Studie mit der Teilnehmerzahl X überhaupt aussagekräftig? Was kann man über das tatsächliche Essverhalten sagen, wenn man die Teilnehmer*innen nur befragt, aber nicht beobachtet?
(Besonders schön hat sie diese akademische Arbeitsweise übrigens kürzlich noch einmal durchexerziert bei der Serie vonBlogposts über die „Biggest Loser“-Studie.
Dabei gelingt es ihr, die trockene Materie allgemeinverständlich aufzubereiten und mittels Beispielen, teils aus dem eigenen Leben, anschaulich zu erklären, ohne herablassend zu wirken ("wie kann man so blöd sein und so etwas glauben") - denn allzuoft hatte sie es ja selbst geglaubt, bzw. wider besseres Wissen nicht hinterfragt. Manchmal ist es ja auch sehr bequem, das Falsche zu glauben, denn wenn die Welt tatsächlich eine Scheibe wäre, ersparte man sich eine Menge anstrengender Tage auf See Richtung „Indien“… 

Den gefühlt größten Teil des Buches widmet Frau Hermann allerdings ernährungsbedingten (bzw. übergewichtsbedingten) Krankheiten. Hier war ich dann doch ein bisschen überrascht, WIE SCHÄDLICH schon wenige Extra-Pfunde für den Menschen sein können. Und selbst wer nicht an Diabetes, Herz-Kreislauf, Arthrose oder was auch immer erkrankt – es gibt sie ja, die fitten Dicken – lebt eben um einiges unbequemer. Denn, seien wir ehrlich, man kann sich ja an viele kleine Unannehmlichkeiten gewöhnen und damit einrichten, die einem erst auffallen, wenn sie wegfallen… Frau Hermann tut ihr Bestes, dass niemand sich mehr einreden kann, die Extrakilos störten nicht oder wären nicht so schlimm. Sie stören! (ich gebe es zu!) und sie sind eben offenbar viel schlimmer als gedacht (auch wenn man einen BMI von weniger als 40 hat). 

Was Nadja Hermann nicht tut, ist konkrete Hinweise auf eine „funktionierende“ Diät zu geben. „Fettlogik überwinden“ ist kein Diätratgeber. Sie macht klar, dass zum Abnehmen allein die Kalorienbilanz zählt, egal wie man diese erreicht. Wer also mit einem Energiebedarf von 2500 kcal. zum Frühstück, Mittag- und Abendessen jeweils eine Tafel Schokolade isst, und als Snack noch ein Snickers, wird (wahrscheinlich) ein Defizit haben und damit abnehmen. DASS EINE SOLCHE ERNÄHRUNG NICHT GESUND IST, setzt sie als bekannt voraus und empfiehlt es auch nirgendwo.
Wer aber wissen möchte, wie man sich gesund und ausgewogen ernährt, muss ein anderes Buch lesen oder eine Ernährungsberatung machen
Wohl betont sie, wie wichtig Eiweiß (=Proteine) sind, da es als einziger Ernährungsbaustein (Fett, Kohlehydrate, Eiweiß) vom Körper nicht synthetisiert werden kann. Kurz gesagt kann der Mensch aus Kohlehydraten Fett machen (einlagern) und umgekehrt, aber Eiweiß muss durch die Nahrung zugeführt werden. Wie man trotz Energiedefizit und Sport aufgrund von Eiweißmangel NICHT abnehmen kann, erklärt sie sehr gut. Irgendwo findet sich auch der Hinweis, dass man etwa 7000 kcal einsparen muss, um ein Kilo Fett abzunehmen – Gewichtsschwankungen, die unabhängig von diesem Defizit größer oder kleiner ausfallen sind so gut wie immer auf Wassereinlagerungen (oder eben „Auslagerungen“) zurückzuführen, z. B. durch Hormonschwankungen im Rahmen des weiblichen Zyklus.

Keine Antworten erhielt ich auf meine sehr konkreten Fragen bezüglich Umgang mit Essstörungen – aber das wäre vielleicht auch zu viel verlangt gewesen, denn das Buch ist wie gesagt kein Ratgeber und keine Anleitung, und auch für Menschen mit Essstörung gilt die Regel mit dem Energiedefizit. Auch die zugegebenermaßen gleichermaßen spezielle Frage nach Gewichtsabnahme in der Schwangerschaft und Stillzeit wurde nicht beantwortet. Ist es wirklich auch für Schwangere mit sehr hohem BMI schädlich, abzunehmen, solange kontrolliert und gesichert ist, dass alle essentiellen Nährstoffe zum Bau eines kleinen Menschen zur Verfügung stehen? Sicherlich ist Übergewicht nicht nur mühsam, sondern auch schädlich für Mutter und Baby? Es geht ja nicht nur um die Belastung der Gelenke, sondern auch um ein erhöhtes Diabetesrisiko und ggf. eine genetische Vorbelastung für das Kind.
Disclaimer: Ich selbst wog nach der Geburt faktisch etwa 6 kg weniger als zu Beginn der Schwangerschaft, allein weil ich mich viel gesünder ernährt habe (glücklicherweise richtete sich mein Heißhunger nicht auf Schokopudding mit Essiggurken, sondern auf viel Salat und Geflügel, dazu kam gegen Ende eine leichte Schwangerschaftsdiabetes mit den entsprechenden Ernährungsvorschriften).
Und was hat es auf sich mit den in die Fettzellen eingelagerten Schwermetallen, die bei einer Diät freigesetzt und in Muttermilch (oder gleich in Baby-Bausteine?) übergehen? Ist das wirklich so? und wenn ja, ist das wirklich in dem Ausmaße so, dass es schädlich wäre? und wenn ja, was ist schädlicher fürs Baby: eventuelle Schadstoffe, auch beim (natürlichen) Abnehmen dank Stillen, oder gar nicht Stillen? Antworten zu diesem Themenkomplex wären eine schöne Ergänzung für eine Neuauflage, denn ich bin sicherlich nicht die einzige Frau, die sich vor, während oder nach ihrer Schwangerschaft Gedanken um ihr Gewicht macht...
Ein letzter kleiner Kritikpunkt: ich persönlich finde den Begriff der "Fettlogik" etwas unglücklich. Offenbar stammt er aus einem englischsprachigen Forum zum Thema und erklärt sich aus diesem Kontext, aber es handelt sich eben nicht um Logik, noch nicht einmal um folgerichtig-logische Zusammenhänge innerhalb eines geschlossenen (Glaubens-)Systems, sondern um Halbwahrheiten, Mißverständnisse und Lügen rund um Ernährung. Ich störe mich an dem Wort, weil es zu euphemistisch mit diesen (Verständnis-)Fehlern umgeht und sie oberflächlich verharmlost. Aber hey, vielleicht bin das nur ich.
Habe ich es bereut, das Buch gelesen (und sogar gekauft) zu haben? Nein. Das Buch ist informativ, gut geschrieben und kann dank des enormen Anhangs den Einstieg in eigene "Forschung" und Bewertung des Themenkomplexes bieten. Selbst wenn man also wenig wirklich Neues erfahren haben sollte, so bekommt man einen guten Reader und ausgezeichnete Denkanstöße. 
Was fehlt mir noch? Außer den oben schon genannten Ernährungsmythen zu Schwangerschaft und Stillzeit (dass man nicht "für zwei" isst, wird behandelt!) hätte ich mir doch ein wenig mehr Information dazu gewünscht, wie Frau Hermann konkret vorgegangen ist - nicht so sehr im Sinne einer "so-müsst-ihr-das-auch-machen"-Anleitung, aber als Anregung. Vielleicht auch eine (vorsortierte) Sammlung (internetbasierter) Tools - Sportvideos bei youtube, fddb-Apps etc. (Ja ich könnte das selbst recherchieren, aber ich bin faul.) Vielleicht gibt es aber das how-to auch als Folgeband? Wer weiß... Zumindest räumt sie vielen "Fans"/Leser*inne*n auf ihrem Blog Platz ein, sodass man sich dort noch so manche zusätzliche Anregung holen kann. Und dann gibt es noch ein Forum...
Tja, und was mache ich jetzt mit dem Gelernten? Wenn ich etwas damit mache, ist es demnächst hier zu lesen...

Meine Auseinandersetzung mit dem Buch erfolgt gründlich und ausführlich und kann hier nachgelesen werden. Was bisher geschah:

Vorspiel: Mein dickes Ich.
Teil 1: Um das Buch herumlesen.
Teil 2: Das Buch anschauen, aber noch nicht lesen, weil man ja eh weiß, was drin steht.

Donnerstag, 19. Februar 2015

Schreckgespenst Studienabbruch.

Im Durchschnitt, so liest man, brechen 25 % der Studierenden ihr Studium ab - abhängig vom Fach variiert die Quote auf bis zu 30%. Daran hat auch die Bologna-Reform nichts geändert.
Immerhin - seit der Bologna-Reform machen sich immer mehr Hochschulen Gedanken darüber, warum das so ist, und wie man Studienabbrüche verhindern kann. Das ist schon einmal eine gute Entwicklung.  Selbst renommierte technische Hochschulen können sich nicht mehr darauf ausruhen, dass sich eben nur "die Besten" durchsetzen - wenn es einen Fachkräftemangel gibt, kann man eben nicht die paar Interessierten auch noch aktiv vertreiben. (Ich spreche nicht vom Senken der Anforderungen, sondern von Hilfestellung bei Schwierigkeiten.)

Vor ein paar Tagen äußerte sich Dominikus Herzberg, Informatikprofessor an der THM Giessen, in einem Artikel in der ZEIT und forderte frei kombinierbare Studiengänge, in denen Studierende ihre Stärken kombinieren und "Problemfächern" ausweichen könnten, denn "zu viele Studierende brechen ihr Studium wegen Problemfächern ab". Dies sei auch ein Problem für die Industrie, die eher an den Stärken als an den Schwächen der Absolventen interessiert sei.
"Das eine Unternehmen hätte kein Problem mit einem Informatik-Studenten, der mit dem Pflichtfach "Theoretische Informatik" nicht klarkommt. Ein Bachelor-Zeugnis mit einem Ersatz-Fach, sagen wir "Smartphone-Programmierung", wäre kein Problem. Hauptsache ein Bachelor-Zeugnis. Ein anderes Unternehmen, das sich etwa auf Steuersysteme für Autos spezialisiert hat, will die Theoretische Informatik im Zeugnis nicht missen. Die Mitarbeiter sollen die feinsinnigen theoretischen Grundlagen beherrschen, die eine Software für das Bremssystem zuverlässig und robust machen. Was sich in der Welt da draußen an Diversität nicht ausschließt, wird an der Hochschule zu einem Problem und macht Bildungsläufe kaputt." (Link aus dem Artikel)
Nun gibt es aber Gründe, warum erfahrene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über Jahrzehnte hinweg Studiengänge konzipiert haben, Studienordnungen geschrieben, Pflichtfächer definiert und Mindeststandards eingeführt. Denn nicht nur in den berufsbildnahen Fächern ist es nützlich, erst Grundlagen zu lernen und erst dann Vertiefungsfächer zu wählen, wenn man einen Überblick über die zu erlernende Disziplin gewonnen hat. Vielleicht kannte man Teilbereiche des Faches bisher gar nicht, oder hatte eine falsche Vorstellung davon, wie es sich entwickelt? Studienprogramme bieten eine Hilfestellung in der Orientierung innerhalb eines Faches, und in einem Großteil der Fälle ist diese Hilfestellung auch notwendig. Ob das Studienprogramm in seiner Aufteilung sinnvoll war, kann man eigentlich erst nach der Prüfung beurteilen.

Komplett selbst zusammenstellbare Studiengänge sind hingegen weltweit sehr selten. In Deutschland kenne ich - abgesehen von einigen Schnupperstudienmodellen wie dem Tübinger Leibniz Kolleg, für das es aber keinen BA-Abschluss gibt - nur das Studium Individuale an der Leuphana Universität. Und selbst hier werden die Studierenden mit einigen Pflichtmodulen Forschungsmethoden oder Projektarbeit zumindest beim reflektierten Erwerb akademischen Arbeitens unterstützt. Das Auswahlverfahren ist sehr streng und begünstigt Menschen, die ein genaues Lernziel haben gegenüber "Schmetterlingen", die sich für alles ein bißchen und für nichts richtig interessieren. Es erfordert eine hohe Eigenmotivation, Selbstorganisation und Zielstrebigkeit. Meines Erachtens ist es eher geeignet für Menschen, die schon etwas Berufserfahrung gesammelt haben, und dabei ihre Wissenslücken schon definieren konnten.

In einem kurzen Twitter-, dann E-Mail-Austausch mit Prof. Herzberg habe ich diese Meinung auch geäußert. Zusammengefasst gibt es sehr unterschiedliche Gründe, für einen Studienabbruch, die ich in diesem Blog noch einmal besser strukturiert wiederzugeben versuche...

Mögliche Gründe für Studienabbruch
 können z. B. sein:
a) man studiert das falsche Fach/ Studiengang (und sattelt um)

b) man ist an der falschen Hochschule (und zieht um)

c) man ist an der falschen Hochschulform (und wechselt zu FH oder BA oder Uni...)

d) man ist an einem Studium eigentlich nicht interessiert/nicht dafür gemacht/hatte falsche Vorstellungen (und macht z.B. besser eine Ausbildung)
Diese Fälle kann man möglicherweise durch bessere Informationen und Beratungsangebote vor Aufnahme des Studiums vermindern oder zumindest begleiten/abfedern. Den Studierenden kann man nur raten, die Informationsangebote auch rechzeitig zu nutzen. Aber manchmal muss man eben schon im Wasser sein, um entscheiden zu können, ob es zu nass ist oder zu kalt oder zu tief oder ob man gegen Chlor allergisch ist. 
Meines Erachtens sollten Studierende, Hochschulen und Dozierende aber froh sein, wenn die Studierenden ihre Fehlentscheidung innerhalb der ersten zwei Semester merken und nicht viel Zeit verlieren. Im Gegenteil: es ist als Erfolg zu werten, wenn es zu informierten (!) Neuorientierungen kommt. Denn in fast allen Fällen bedeutet Abbruch nicht gleich "Versagen: obdachlos unter der Brücke" - sondern höchstens: eine andere Biographie als erwartet.
e) man wird durch biographische Einflüsse vom Studium abgebracht (aber gründet vielleicht ein erfolgreiches Startup, oder eine Familie, oder...)
Wenn man selbst oder Familienangehörige krank werden oder sterben, wenn man überraschend eine gut bezahlte Stelle im Ausbildungsberuf oder Nebenjob erhält, wenn einem die Stadt nicht gefällt oder man Liebeskummer hat, oder man selbst oder die Freundin schwanger wird, kurzum: wenn eines von unzähligen Ereignissen eintritt, die unser Leben beeinflussen - dann kann es zum Studienabbruch kommen. Da kann aber auch die beste Studienberatung nichts ändern. Studierende bringen ihr eigenes Leben mit, und die Hochschule ist davon nur ein Teil, und nicht immer der wichtigste. 
(Ausnahme: Geldsorgen sollten niemals ein Grund für den Studienabbruch sein - Bafög und Stipendien sollten das eigentlich verhindern. Dennoch kommt es vor - leider - denn es ist ein politisch leicht lösbares Problem.)
Aber von Studienabbrechern konkrete Gründe für den Abbruch zu erfahren ist schwierig - die meisten Absolventenbefragungen sind freiwillig, und wer im Zorn oder Frust geht, der wird sie wohl meiden.  Leider sind die Statistiken zum Studienabbruch über alle Studiengänge hinweg sehr ungenau. In der Regel werden nur einzelne Bewegungen erfasst, keinesfalls aber konkrete Studienbiografien. Das heißt, es gibt eine Schwundquote (von x Studienanfängern sind noch x-n im 2. Semester, x-n-n im 6 Semester etc), die aber keinerlei Aussage darüber trifft, wie erfolgreich ein einzelner Studierender ist. Ein oder zwei Semester länger zu studieren erfüllt viele Bacherloranwärter bspw. mit Panikattacken - dabei wird sich ein sorgfältiges Studium auf lange Sicht möglicherweise sogar auszahlen. Auch ist es schwierig, Fachwechsel konkret nachzuverfolgen - ein Fachwechsler ist aber nicht unbedingt ein Studienabbrecher. In den alten Diplom-/Magisterstudiengängen war es noch schwieriger, weil Studierende ermutigt wurden, nach der Zwischenprüfung die Uni zu wechseln -- und dadurch in der Statistik zum Abbrecher wurden.
Solange wir individuelle Studienbiographien nicht über Hochschul-, Stadt- und Länderwechsel hinweg verfolgen können, bleibt jede Aussage spekulativ.
Immerhin scheint es eine Tendenz zu geben. Fächer, die gerade am Anfang eine schlechte Abbrecherquote haben ( z. B. Informatik, Ingenieure)  haben auch gute Absolventenquoten - viele Abschlüsse in der Regelstudienzeit mit ordentlichen Noten.
Ich schließe daraus, dass v.a. die Leute schwinden, die falsche Erwartungen an das Studium hatten bezüglich Inhalten, Arbeitsaufwand, Interesse, und die anderen übrig bleiben.
 f) man fällt durch eine oder alle Prüfungen (und ergreift die Option a, b, c, d, e)
Ein solcher Fall hat den o.g. Artikel ausgelöst.
Das ist bedauerlich, besonders wenn es, wie im Artikel geschilderten Fall, die "employability" des Studierenden nicht im geringsten beeinflusst hätte. Natürlich sollten die Grundlagen des Faches beherrscht werden, aber wegen eines Vertiefungsfaches das gesamte Studium nicht anerkannt zu bekommen - tragisch. Selbst wenn ein Jurist das erste Staatsexamen nicht besteht, so hat er/sie doch 4-5 Jahre lang Jura studiert und versteht davon mehr, als jemand, der/die das nicht getan hat. Dennoch ist er/sie eben kein/e Jurist/in, und das ist auch in Ordnung.
Nicht in Ordnung ist es, dass Unternehmen sich bei Ihren Stellenbesetzungen so selten genau damit auseinandersetzen, was die gesuchte Person auf der ausgeschriebenen Stelle eigentlich können muss - wird ein Volljurist überhaupt benötigt? Hier ist die Wirtschaft in der Pflicht. Die Fixierung auf formale Kriterien bei gleichzeitigem Wunsch nach eierlegenden Wollmilchsäuen bietet Menschen mit "krummen" Biographien (oder unerwarteten Abschlüssen, Stichwort: Geisteswissenschaften in der Wirtschaft) wenig Chancen, sich zu beweisen. 
Vielleicht ist der Fachkräftemangel/Akademikermangel eben doch nicht so groß, wie immer behauptet wird?



Statistik für Motive zum Studienabbruch (2000/2008)
 http://de.statista.com/statistik/daten/studie/75078/umfrage/studium---motiv-fuer-den-abbruch/

Prof. Herzberg bloggt unter 
http://denkspuren.blogspot.de/








Mittwoch, 20. August 2014

Bremen Wissenschaftsplan 2020

Der Esel aus Wesel ist schon weiter als das Bremer Grautier.  

Bremen hat den Wissenschaftsplan 2020 veröffentlicht. Erwartungsgemäß war niemand so richtig begeistert. Das ist jetzt erstmal nicht ungewöhnlich - es ist für die Politik nicht leicht, es allen recht zu machen, und zur Bildungspolitik haben viele Menschen eine Meinung (wenn auch nicht immer eine fundierte, gut begründete). Dass aber Hochschullehrende gemeinsam mit Studierenden protestieren, ist dann doch eher ungewöhnlich.
Was also steht in diesem Plan? (Erinnert die Benennung eigentlich noch jemanden an sozialistische 5-Jahres-Pläne? Planwirtschaft hat schon für die Wirtschaft nicht so dolle funktioniert... ob das bei Bildungsaufgaben besser geht?)
Wenn man sich durch die teilweise erschreckend hohlen Phrasen von  einmal durchgearbeitet hat, werden einige Dinge mit erstaunlicher Deutlichkeit gesagt:
1. Die Mittel werden eingefroren. Man ist stolz darauf, dass sie nicht sinken. Da zugleich Kosten steigen (Tarifsteigerungen etc.) führt das zu einem faktischen Stellenabbau bei gleichzeitig steigenden Studierendenzahlen.
Investitionen in die Zukunft sehen anders aus.
Nun ist Bremen bekanntlich klamm. Das liegt auch daran, dass viele der gutverdienenden Bremer ihre Steuern im Umland zahlen, wo sie ein Haus im Grünen haben. Mittel nicht kürzen zu müssen könnte also für die Senatorin bei den Haushaltsverhandlungen schon ein Erfolg gewesen sein. Was kann sie noch tun? Genau: sparen. Und hier offenbart sich der eigentliche Mangel des Wissenschaftsplans.
2. Profilbildung. Die Bremer Hochschulen haben in den letzten Jahren erfolgreich ihre Stärken ausgebaut, Exzellenzcluster gebildet, Kooperationen begonnen, Forschung vorangebracht - übrigens besonders stark in den stets als "Problemkind" behandelten MINT-Fächern. Nun sollen sie dieses Profil ausbauen - das ist ok, man sollte nach seinen Stärken spielen. Zugleich sollen aber alle anderen Fächer, vor allem die kleinen, wenig nachgefragten, komplett auf den Prüfstand gestellt werden. "Wenig nachgefragt" heißt dabei leider immer explizit "vom Arbeitsmarkt nachgefragt". Und genau das halte ich für problematisch. Universitäten und Hochschulen sind nicht dazu da, ausschließlich für den Arbeitsmarkt auszubilden. Zum einen, weil dieser sich und seine Bedarfe laufend verändert. Zum anderen, weil Hochschulabsolventen neue Impulse in die Betriebe bringen sollen. Dazu müssen sie aber neues und anderes Wissen in die Unternehmen tragen als dort ohnehin vorhanden ist. Auch das fällt unter Diversity (nicht nur ethnische oder geschlechtliche Vielfalt).
Auch sollen "doppelte" Angebote, also Studiengänge, die von mehreren Hochschulen angeboten werden. zusammengelegt werden. Dies finde ich erstaunlich, denn offenbar sind sie ja alle ausgelastet. Auch ergibt das nur Sinn vor der Annahme, dass die Ausbildung an Universitäten und Fachhochschulen nicht nur gleichwertig ist, sondern auch die gleichen Ziele verfolgt. Und diese Annahme ist nicht richtig - oder war es nicht. Seit der Bologna-Reform hat sich das geändert.
3. Fehler in der Bologna-Reform. Der große Fehler in der Bologna-Reform ist m. E. nicht, dass man die Abschlüsse geändert hat (obwohl man sich schon fragen kann, ob das nötig war), sondern dass man die Chancen des ausdifferenzierten deutschen tertiären Bildungssystems dabei nicht beachtet hat.  
Universitäten, die mit dem Ziel angetreten waren, Akademiker auszubilden, waren immer forschungsorientiert. Die berufliche Praxis, für die sie ausbildeten, war die akademische Praxis. Dass die Lehre auch für zukünftige Akademiker aus didaktischer Perspektive oft noch ausbaufähig war, will ich nicht bestreiten - aber das war die Aufgabe der Universitäten, und das haben sie gut gemacht.
Fachhochschulen, Berufsakademien, Pädagogische Hochschulen etc. hingegen waren immer praxisorientiert. Forschung spielte eine geringere Rolle, dafür war der Kontakt in die Wirtschaft gut, die Lehre war anwendungsbezogen. Genau das, was "die Wirtschaft" angeblich forderte, und was die Universitäten, nach eigenem Selbstverständnis und Bildungsauftrag, weder liefern konnten noch wollten. Zugleich standen die Absolventen in der Hierarchie (meßbar an Gehaltsstufen) aber deutlich niedriger als die "richtigen" Studierenden (die also doch irgendetwas besser können mussten)...
Zwei parallel existierende Bildungsinstitutionen, mit klaren (didaktischen) Profilen, unterschiedlichen Bildungsaufträgen und Zielgruppen. Logisch wäre es nun gewesen, beiden  Institutionsformen zu helfen, diese Profile zu schärfen: Die Universitäten hätten nur forschungsorientierte Studierende aufgenommen, also sich auf "unpraktische" liberal arts, alle Staatsexamen (z.B. Jura) sowie Master und Doktorandenausbildung konzentrieren können. Die Fachhochschulen hätten die deutlich berufsbezogenen Studiengänge übernommen, in denen sie ohnehin schon stark waren, und diese bis zum Bachelor geführt - die talentiertesten hätten zum Master an die Universitäten wechseln müssen.
Stattdessen bekamen die Universitäten den Auftrag, mehr Praxis in ihre Lehre zu bringen (womit sie überfordert waren und teilweise immer noch sind, und zwar ganz nachvollziehbar und verständlich), während die Fachhochschulen auf einmal mehr forschen sollten (forschendes Lernen ist auf einmal ganz groß) - etwas, wofür sie nie ausgerichtet waren. Um die Profile noch weiter zu verwischen, heißen die FHs jetzt alle "Hochschule" oder gar "University of applied sciences" (obwohl "science" nur die Naturwissenschaften bezeichnet), und neuerdings wird immer mehr auch über ein Promotionsrecht gestritten (als bräuchten wir mehr Promovierte...) - ein klarer Versuch, sie in der Hierarchie mit den Universitäten gleichzustellen. Dennoch macht sie das -notgedrungen- nur zu Universitäten zweiter Klasse - besser wäre es gewesen, sie in ihrem Profil zu stärken und ihnen dafür im gesellschaftlichen Diskurs mehr Anerkennung zu geben.
Nachdem nun also die ursprünglichen Profile "Forschung" vs "Praxis" erfolgreich vermischt wurden, sollen die Hochschulen neue Profile bilden, diesmal auf der Basis von Inhalten, also Fachdisziplinen. Und hier kommt das größte Problem.
4. Keine bildungspolitische Vision. Im Wissenschaftsplan 2020 wird ausdrücklich nur solchen Disziplinen eine Existenzberechtigung eingeräumt, für die "ein regionaler Bedarf ... seitens des Arbeitsmarktes besteht" (S. 25). Das ist gleich mehrfach problematisch: zum einen können wir den regionalen Bedarf nicht für mehrere Jahre in die Zukunft absehen (was passiert denn, wenn z.B. AIRBUS ebenfalls "Profilbildung" betreibt, und das Bremer Werk schließt, oder bspw. mit Stade zusammenlegt? Wird dann auch der Studiengang Luft-und Raumfahrttechnik geschlossen?). Zum anderen sollte die Politik, und vor allem die Bildungspolitik, nicht den Realitäten hinterherlaufen, sondern sie entwickeln und mitgestalten. Hochschulen können unternehmerisches Denken und Handlen fördern und unterstützen, aber die Geschäftsideen kommen von kreativen jungen Absolventinnen und Absolventen - und aus allen Fachrichtungen.
Auch in anderer Hinsicht vermisst man eine vorausschauende Weichenstellung - Stichwort: digital literacy. Während eine große Mehrheit der Deutschen Informatik als Pflichtfach an den deutschen Schulen fordert, unternimmt Bremen nichts, um zukünftige Generationen mit Grundkompetenzen für das Verständnis, geschweige denn die Gestaltung des digitalen Wandels auszustatten. Zuerst einmal müssten natürlich Lehrer/innen ausgebildet werden, dann Lehrpläne entwickelt, dann - in frühestens fünf Jahren - flächendeckender Informatikunterricht eingeführt werden. Das wäre auch ein Impuls für die Schulpolitik.
Natürlich muss nicht jeder später Informatik studieren und Programmierer/in werden - "literacy" steht für "Alphabetisierung", also lesen und schreiben lernen. Danach muss man kein Poet oder Literaturwissenschaftlerin werden. Es wäre fatal, wenn unsere Kinder als Digital Natives die digitale Welt, in die sie hineingeboren werden, nicht verstehen und beherrschen lernten. Für uns ist es (vielleicht) zu spät.
Aber der Wissenschaftsplan soll ja die Zukunft gestalten. Er verwaltet sie nur.

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Bildquelle: http://www.kdg-wesel.de/typo3temp/pics/Konny_der_Esel_1c878a7934.jpg