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Samstag, 29. August 2020

Fertige Fachinformatikerin

 Es ist vollbracht!

Und das schon seit etwa 8 Wochen... 

Die Prüfungen sind vorbei. Die Umschulung ist vorbei. Seit 8. Juli bin ich fertige Fachinformatikerin für Anwendungsentwicklung. Uff. Das waren anstrengende zwei Jahre. Dass einem kurz vor Schluss - Corona sei Dank - die Motivationsmöhre der Übernahme durch den Praktikumsbetrieb genommen wurde, hat die Prüfungsphase nicht schöner gemacht. Aber so ist es eben - wenn der Betrieb in Kurzarbeit ist, kann er eben keine neuen Mitarbeiter:innen einstellen. Ich verstehe es ja. 

Dennoch hat das WIE einen etwas bitteren Beigeschmack. 

Egal. Erstmal Adrenalin herunterfahren. Mit der Prüfung seinen Frieden machen - da lief nämlich auch nicht alles so richtig rund. Einiges lag sicher an mir -- die Systemintegrationsklausur beispielsweise - da habe ich einfach die falsche Aufgabe gestrichen und auf diese Weise die schlechteste Note jemals (verglichen mit meinen sämtlichen Übungsklausuren) eingefahren. Das war ärgerlich. 

Dass der Prüfungsausschuss mit der Projektdokumentation unglücklich war - nun ja. Ich habe mir genau erklären lassen, was ihr Problem war, und kann das Meiste nachvollziehen. Es ist halt immer schwierig, wenn man in einem Prüfungsformat geprüft wird, das man nicht eingeübt hat. Und "Projektdokumentation" war für mich eine neue Textform - müsste ich nochmal eine Doku schreiben, würde ich einiges anders machen. Erstaunlich nur, dass die sieben Leute, deren Dokus ich "betreut" habe (also gelesen und befeedbackt) alle eine bessere Note hatten als ich. Und sehr schade, dass unser ansonsten hervorragendes Ausbilderteam beim Zwischenfeedback für unsere Dokus wirklich überhaupt nicht hilfreich war. Das lief nicht gut. Dennoch werde ich den Verdacht nicht los, dass mir hier mein akademischer Hintergrund zum Verhängnis geworden ist - der Anspruch an eine promovierte Wissenschaftlerin ist möglicherweise höher, als an einen "normalen" Umschüler. 

Wofür ich allerdings überhaupt nichts kann, und was mir zudem zusätzlich auch das Mündliche heruntergezogen zu haben scheint, ist die Tatsache, dass unser Abschlussprojekt ein SCRUM-Projekt war, das wir zu viert bearbeitet haben. Das gefiel dem Prüfungsausschuss überhaupt nicht, obwohl wir jeder einen eigenen Service komplett selbständig bearbeitet haben. Und während der Rest meines Projektteams in jeweils anderen Prüfungausschüssen mit Einsen und guten Zweien geprüft wurde, habe ich eine knappe drei bekommen  - 80%, um 1% an der Zwei vorbei. Und zusätzlich mündlich die Versicherung, dass ich super präsentiert hätte, mich nicht verstecken müsse, man mir alles zutraue, aber ich eben wegen des Gruppenprojektes nicht bewiesen hätte, dass ich es alleine könnte. Und dass man natürlich später nie wieder alleine arbeitet, und immer im Team, und agil voll angemessen sei, aber eben nicht in der Prüfung... Echt jetzt? Das einzige, worauf ich keinen Einfluss hatte - die Aufgabenstellung - dafür zieht ihr mir Punkte ab? Zweimal? (Doku und Mündliches?) Nicht die Umsetzung, nicht die Lösung? 

Doch, das ärgert mich schon. 

Aber um Punkte zu feilschen nützt hier nicht. Faktisch hat sich mein Ausschuss halt strenger an die Regeln gehalten, als (fast) alle anderen Ausschüsse, von denen ich gehört habe. 

Und je mehr ich vom Prüfungsprozess der Handelskammer mitbekommen habe, desto mehr haben sich mir die Zehennägel hochgerollt. Von einem einheitlichen Maßstab über die Ausschüsse hinweg kann keine Rede sein. Willkür überall. Kein Versuch einer Schulung der Prüfenden. Ausschussübergreifend riesige Unterschiede. 

Egal. Es ist vorbei. Es ist bestanden.

Jetzt muss ich nur schnell etwas finden, damit ich nicht gleich alles wieder vergesse. Es zeigt sich schon jetzt, dass die Umschulung zur FIAE eine gute Entscheidung war - Dieses Internet wird sich wohl doch durchsetzen, das hat Corona gezeigt. Krise hin oder her, Programmierer werden gesucht. Es gibt Stellen, die ausgeschrieben werden. Und jetzt, wo die Sommerferien überall vorbei sind, kommen auch Einladungen zu Gesprächen. Fragt sich nur, was dabei herauskommt. 

Ich bin gespannt!

Dienstag, 30. August 2016

Fettlogik überwinden. Teil 3: Das Buch lesen.



Irgendwann, als sich ein gewisser Rhythmus einzupendeln begann mit dem Säugling, seinem Bedürfnis nach Essen und Schlafen und meinem Bedürfnis nach Essen und Schlafen, fand ich endlich die Zeit und Ruhe, das Buch „Fettlogik überwinden“ von Dr. Nadja Hermann zu lesen und den tatsächlichen Inhalt mit meinen Erwartungen an den Inhalt abzugleichen.

Was steht denn nun drin im Buch? 
 In weiten Teilen tatsächlich das, was ich erwartet hatte. Fangen wir mit den formalen „Äußerlichkeiten“ an: Das Buch verrät seine Herkunft aus einem Blog recht deutlich, denn es besteht aus vielen teils sehr kurzen Kapiteln. Fast jedes dieser Kapitel widmet sich gezielt einer „Fettlogik“, also einer Vorstellung von den Wirkweisen der Ernährung, die im kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung fest verankert ist und als Glaubenssatz rund um Diäten und Abnehmen fungiert. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um Forschungsergebnisse, die einseitig interpretiert bzw. verkürzt oder sogar ganz falsch wiedergegeben wurden oder sonstwie missverstanden wurden/werden.
Nadja Hermanns großes Verdienst besteht darin, die ursprünglichen Studien zu dem jeweiligen Thema (Hungerstoffwechsel, Setpoint, keine Kohlehydrate nach 18 Uhr…) ausfindig gemacht und gelesen zu haben. Wie die ordentliche Wissenschaftlerin, die sie ist, hat sie also den Forschungsstand gesichtet, die Quellen untersucht und eingeordnet (wer hat so eine Studie eigentlich bezahlt), und vor allem die Methodik auf Herz und Nieren geprüft. Ist eine Studie mit der Teilnehmerzahl X überhaupt aussagekräftig? Was kann man über das tatsächliche Essverhalten sagen, wenn man die Teilnehmer*innen nur befragt, aber nicht beobachtet?
(Besonders schön hat sie diese akademische Arbeitsweise übrigens kürzlich noch einmal durchexerziert bei der Serie vonBlogposts über die „Biggest Loser“-Studie.
Dabei gelingt es ihr, die trockene Materie allgemeinverständlich aufzubereiten und mittels Beispielen, teils aus dem eigenen Leben, anschaulich zu erklären, ohne herablassend zu wirken ("wie kann man so blöd sein und so etwas glauben") - denn allzuoft hatte sie es ja selbst geglaubt, bzw. wider besseres Wissen nicht hinterfragt. Manchmal ist es ja auch sehr bequem, das Falsche zu glauben, denn wenn die Welt tatsächlich eine Scheibe wäre, ersparte man sich eine Menge anstrengender Tage auf See Richtung „Indien“… 

Den gefühlt größten Teil des Buches widmet Frau Hermann allerdings ernährungsbedingten (bzw. übergewichtsbedingten) Krankheiten. Hier war ich dann doch ein bisschen überrascht, WIE SCHÄDLICH schon wenige Extra-Pfunde für den Menschen sein können. Und selbst wer nicht an Diabetes, Herz-Kreislauf, Arthrose oder was auch immer erkrankt – es gibt sie ja, die fitten Dicken – lebt eben um einiges unbequemer. Denn, seien wir ehrlich, man kann sich ja an viele kleine Unannehmlichkeiten gewöhnen und damit einrichten, die einem erst auffallen, wenn sie wegfallen… Frau Hermann tut ihr Bestes, dass niemand sich mehr einreden kann, die Extrakilos störten nicht oder wären nicht so schlimm. Sie stören! (ich gebe es zu!) und sie sind eben offenbar viel schlimmer als gedacht (auch wenn man einen BMI von weniger als 40 hat). 

Was Nadja Hermann nicht tut, ist konkrete Hinweise auf eine „funktionierende“ Diät zu geben. „Fettlogik überwinden“ ist kein Diätratgeber. Sie macht klar, dass zum Abnehmen allein die Kalorienbilanz zählt, egal wie man diese erreicht. Wer also mit einem Energiebedarf von 2500 kcal. zum Frühstück, Mittag- und Abendessen jeweils eine Tafel Schokolade isst, und als Snack noch ein Snickers, wird (wahrscheinlich) ein Defizit haben und damit abnehmen. DASS EINE SOLCHE ERNÄHRUNG NICHT GESUND IST, setzt sie als bekannt voraus und empfiehlt es auch nirgendwo.
Wer aber wissen möchte, wie man sich gesund und ausgewogen ernährt, muss ein anderes Buch lesen oder eine Ernährungsberatung machen
Wohl betont sie, wie wichtig Eiweiß (=Proteine) sind, da es als einziger Ernährungsbaustein (Fett, Kohlehydrate, Eiweiß) vom Körper nicht synthetisiert werden kann. Kurz gesagt kann der Mensch aus Kohlehydraten Fett machen (einlagern) und umgekehrt, aber Eiweiß muss durch die Nahrung zugeführt werden. Wie man trotz Energiedefizit und Sport aufgrund von Eiweißmangel NICHT abnehmen kann, erklärt sie sehr gut. Irgendwo findet sich auch der Hinweis, dass man etwa 7000 kcal einsparen muss, um ein Kilo Fett abzunehmen – Gewichtsschwankungen, die unabhängig von diesem Defizit größer oder kleiner ausfallen sind so gut wie immer auf Wassereinlagerungen (oder eben „Auslagerungen“) zurückzuführen, z. B. durch Hormonschwankungen im Rahmen des weiblichen Zyklus.

Keine Antworten erhielt ich auf meine sehr konkreten Fragen bezüglich Umgang mit Essstörungen – aber das wäre vielleicht auch zu viel verlangt gewesen, denn das Buch ist wie gesagt kein Ratgeber und keine Anleitung, und auch für Menschen mit Essstörung gilt die Regel mit dem Energiedefizit. Auch die zugegebenermaßen gleichermaßen spezielle Frage nach Gewichtsabnahme in der Schwangerschaft und Stillzeit wurde nicht beantwortet. Ist es wirklich auch für Schwangere mit sehr hohem BMI schädlich, abzunehmen, solange kontrolliert und gesichert ist, dass alle essentiellen Nährstoffe zum Bau eines kleinen Menschen zur Verfügung stehen? Sicherlich ist Übergewicht nicht nur mühsam, sondern auch schädlich für Mutter und Baby? Es geht ja nicht nur um die Belastung der Gelenke, sondern auch um ein erhöhtes Diabetesrisiko und ggf. eine genetische Vorbelastung für das Kind.
Disclaimer: Ich selbst wog nach der Geburt faktisch etwa 6 kg weniger als zu Beginn der Schwangerschaft, allein weil ich mich viel gesünder ernährt habe (glücklicherweise richtete sich mein Heißhunger nicht auf Schokopudding mit Essiggurken, sondern auf viel Salat und Geflügel, dazu kam gegen Ende eine leichte Schwangerschaftsdiabetes mit den entsprechenden Ernährungsvorschriften).
Und was hat es auf sich mit den in die Fettzellen eingelagerten Schwermetallen, die bei einer Diät freigesetzt und in Muttermilch (oder gleich in Baby-Bausteine?) übergehen? Ist das wirklich so? und wenn ja, ist das wirklich in dem Ausmaße so, dass es schädlich wäre? und wenn ja, was ist schädlicher fürs Baby: eventuelle Schadstoffe, auch beim (natürlichen) Abnehmen dank Stillen, oder gar nicht Stillen? Antworten zu diesem Themenkomplex wären eine schöne Ergänzung für eine Neuauflage, denn ich bin sicherlich nicht die einzige Frau, die sich vor, während oder nach ihrer Schwangerschaft Gedanken um ihr Gewicht macht...
Ein letzter kleiner Kritikpunkt: ich persönlich finde den Begriff der "Fettlogik" etwas unglücklich. Offenbar stammt er aus einem englischsprachigen Forum zum Thema und erklärt sich aus diesem Kontext, aber es handelt sich eben nicht um Logik, noch nicht einmal um folgerichtig-logische Zusammenhänge innerhalb eines geschlossenen (Glaubens-)Systems, sondern um Halbwahrheiten, Mißverständnisse und Lügen rund um Ernährung. Ich störe mich an dem Wort, weil es zu euphemistisch mit diesen (Verständnis-)Fehlern umgeht und sie oberflächlich verharmlost. Aber hey, vielleicht bin das nur ich.
Habe ich es bereut, das Buch gelesen (und sogar gekauft) zu haben? Nein. Das Buch ist informativ, gut geschrieben und kann dank des enormen Anhangs den Einstieg in eigene "Forschung" und Bewertung des Themenkomplexes bieten. Selbst wenn man also wenig wirklich Neues erfahren haben sollte, so bekommt man einen guten Reader und ausgezeichnete Denkanstöße. 
Was fehlt mir noch? Außer den oben schon genannten Ernährungsmythen zu Schwangerschaft und Stillzeit (dass man nicht "für zwei" isst, wird behandelt!) hätte ich mir doch ein wenig mehr Information dazu gewünscht, wie Frau Hermann konkret vorgegangen ist - nicht so sehr im Sinne einer "so-müsst-ihr-das-auch-machen"-Anleitung, aber als Anregung. Vielleicht auch eine (vorsortierte) Sammlung (internetbasierter) Tools - Sportvideos bei youtube, fddb-Apps etc. (Ja ich könnte das selbst recherchieren, aber ich bin faul.) Vielleicht gibt es aber das how-to auch als Folgeband? Wer weiß... Zumindest räumt sie vielen "Fans"/Leser*inne*n auf ihrem Blog Platz ein, sodass man sich dort noch so manche zusätzliche Anregung holen kann. Und dann gibt es noch ein Forum...
Tja, und was mache ich jetzt mit dem Gelernten? Wenn ich etwas damit mache, ist es demnächst hier zu lesen...

Meine Auseinandersetzung mit dem Buch erfolgt gründlich und ausführlich und kann hier nachgelesen werden. Was bisher geschah:

Vorspiel: Mein dickes Ich.
Teil 1: Um das Buch herumlesen.
Teil 2: Das Buch anschauen, aber noch nicht lesen, weil man ja eh weiß, was drin steht.

Samstag, 14. November 2015

Deutsch für Flüchtlinge.

Seit vier Wochen ungefähr fahre ich dreimal in der Woche ins Übergangswohnheim und unterrichte dort Deutsch. Meine Schülerinnen sind drei junge Frauen um die 20, die vor einigen Wochen aus Eritrea gekommen sind. Sie begrüßen mich strahlend und nötigen mich, mich zu setzen. Dann gibt es erst einmal Tee. In das Teewasser im Wasserkocher werfen sie immer einige Nelken, sodass das Wasser eine leicht rostige Farbe hat und aromatisch duftet. Damit gießen sie dann schwarzen Tee auf, in den sie erstaunliche Mengen Zucker rühren - die einzige Süßigkeit, die ich bisher bei ihnen gesehen habe.
Oft gibt es dann auch noch etwas zu essen - meist eine Art Pfannkuchen mit einer extrem scharfen Sauce,  oder Salat, oder auch ein sehr leckeres, süßliches Hefebrot. In jedem Fall wollen Sie mir etwas anbieten, und ich kann ihnen die Gastfreundschaft nicht abschlagen - auch wenn ich oft gar keinen Hunger habe, weil mein Besuch außerhalb meiner eigenen Essenszeiten liegt, verstehe ich, dass sie mir etwas zurückgeben wollen.
Unterhalten können wir uns beim Essen noch nicht, aber das ist egal. Sie schwatzen miteinander, ich höre zu und freue mich, dass sie so fröhlich wirken. Nach ungefähr 20 oder 30 Minuten fangen wir an. Die Frauen holen ihre Collegeblöcke und Stiftemappen und wir beginnen mit einer kleinen Wiederholung. Wir haben mit ganz einfachen Phrasen begonnen. Ich heiße... ich komme aus... ich wohne in... Wenn wir ein Verb lernen, schreibe ich die Präsens-Konjugation in tabellarischer Form auf und markiere die Endungen farbig. Inzwischen achte ich sehr genau darauf, dass die Mädchen mitschreiben und auch korrekt abschreiben - meine Handschrift ist zwar gut, aber eben keine Druckschrift, und die lateinischen Buchstaben sind eindeutig nicht die erste Schrift, sondern fremd. Also korrigiere ich, damit sie nichts falsches lernen. Wir haben Begriffe zur Zeit (Stunden, Tage, Wochen, Wochentage, Monatsnamen) durchgenommen und die Zahlen. Zahlen sind schwierig, weil wir so blöd von hinten nach vorne zählen - einundzwanzig statt zwanzigeins. Aber Übung macht den Meister. Ich habe Supermarkt-Werbezettel mitgebracht und die Namen der wichtigsten Lebensmittel durchgenommen - gleich mit den Preisen (Zahlen üben!), damit sie auch dafür ein Gefühl entwickeln können.  Zuletzt haben wir uns verstärkt um Fragen und Antworten gekümmert - inklusive Satzbau mit Verb auf der Zwei (W-Fragen) und auf der Eins (Satzfragen).
Die Mädchen sind unterschiedlich schnell in der Auffassung, aber auch in der Konzentrationsfähigkeit. Eine kann bei weitem nicht so gut lesen wie die anderen und tut sich auch mit dem (lateinischen) Schreiben schwerer. Aber zu dritt gelingt es ganz gut, dass sie sich auch gegenseitig helfen können. Jede Woche geht es ein bisschen besser.  Und natürlich sind die Anfangserfolge die schönsten - wenn auf einmal Verständnis dämmert und sie anfangen zu strahlen, weil sie ein Wort oder ein Prinzip verstanden haben.
Ab Montag gehen zwei der drei fünf Stunden täglich in einen zwölf-wöchigen Intensivkurs. Die junge Mutter geht nicht mit, wahrscheinlich weiß sie nicht, wohin mit dem Baby. Ich werde so weitermachen wie bisher - nur dann eben nachmittags. Inzwischen habe ich auch ein bisschen taugliches Lehrmaterial aus Büchern, Heften, Internet zusammengetragen. So lernt die junge Mutter zwar weniger als ihre Freundinnen, wird aber nicht ganz abgehängt. Und die anderen beiden können das, was sie im Intensivkurs lernen, mit mir nacharbeiten und mit ihrer Freundin teilen - ich bin gespannt.

Montag, 9. Dezember 2013

LaB. Dante Aleghieri: Inferno. Canto xi. Die Wucherer.

Dante-Protagonist ist inzwischen schon recht tief in die Hölle vorgedrungen. Sechs von neun Höllenkreisen hat er schon durchwandert, naturgemäß ist er dankbar, zu Beginn des elften Gesangs -und vor Betreten des siebten Kreises - eine kleine Pause einlegen zu können, um sich an den Gestank zu gewöhnen. Die Wartezeit vertreibt Vergil ihm mit einer Erklärung, wie die nun folgenden drei Höllenkreise sich aufteilen.

In den ersten drei Kreisen saßen allerlei Menschen, die maßlos gewesen waren: maßlos in der Liebe, im Zorn, im Umgang mit Geld etc. Dann kamen gewalttätige Menschen, nun kommen Verräter. Alle diese Sünden können sich richten gegen den Nächsten, gegen sich selbst, und -am schlimmsten- gegen Gott. Weitere Binnenunterteilungen sind möglich und nötig. Die passende Systematik liefert immer Aristoteles - sei es mit der Ethik, sei es mit der Physik. Man lese hier, beispielsweise, um das recht komplizierte System besser  zu verstehen.

(Übrigens: die hier verlinkten Seiten nutzen die Übersetzung von Zoozmann (1922) als die "Beste".  Das kann man machen, aber jede Übersetzung ist auch Interpretation, und jede Übersetzung hat Vor-und Nachteile. Besser, man vergleicht mehrere Fassungen, so bekommt man gleich ein paar Interpretationshilfen frei Haus. Pro-Zoozmann spricht jedenfalls, das er das Terzinen-Versschema beibehält, das ist gar nicht so einfach. Dafür ist er nicht immer so nah am Originaltext, wie es manchmal zu wünschen wäre.)

Dante-Protagonist --eine echte Watson-Figur!-- fragt dankenswerterweise mehrfach nach, sodass auch wir ahnungslosen Leser das sorgfältig austarierte Gewichten der Sünden verstehen. Schließlich hat sich Dante-Dichter einiges dabei gedacht und nichts dem Zufall überlassen in der Art und Weise, wie er "seine" Sünder innerhalb der Höllen-Sünden-Strafen-Hierarchie platziert.

Überraschenderweise, für Dante-Protagonist und uns moderne Leser auch, finden sich im dritten Unterkreis des siebten Höllenkreises -Sünden wider Gott- die Wucherer. Oder, wie wir heute sagen würden: die Banker. Dante-Protagonist insistiert:
Jedoch erinnre dich: du hast bezichtigt
Den Wuchrer, dass er Gott Beleidigungen
Zufügt? – Der Zweifel sei mir noch beschwichtigt!“ –
Und Vergil erklärt (und ich wähle hier einmal die extrem originaltextferne, aber wunderbar interpretierend-erklärende Versübersetzung von Pochhammer (1901), übrigens sehr schöne Ausgabe mit Buchschmuck von Heinrich Vogeler):
[...]
"Du sollst", sprach Gott - wer dürfte das vergessen? -
"Dein Brot im Schweiße des Angesichtes essen" -

Der Wucher aber geht auf andern Wegen.
Natur und Arbeit, beide er verschmäht,
Somit auch beider Gotteskinder Segen,
Bis in den Kreis der Untat er gerät.
[...]
Der Wucherer/Bänker sündigt also bei Dante nicht gegen seine Mitmenschen, sondern gegen Gott selbst. 
Die Begründung dafür scheint heute altmodisch - Geld für sich arbeiten zu lassen statt selbst zu arbeiten, Zinsen zu nehmen - das ist heutzutage, im Zeitalter des globalen Bankenkapitalismus, nicht nur nicht mehr unsittlich, es ist sogar erstrebenswert, normal, wirtschaftlich richtig.

Überraschend fand ich beim Lesen vor allem die Erinnerung daran, wie alt die Diskussion über den Finanz-Zins-Markt schon ist (auch Jesus warf die Geldwechsler aus dem Tempel; Matthäus 21,12ff EU; Markus 11,15ff EU; Lukas 19,45ff EU; Johannes 2,13–16 EU), und wie weit das Unbehagen über das "mühelose" Geldverdienen der Geldwechsler/Wucherer/Bänkster historisch zurückreicht. Unabhängig davon, ob wir die aristotelisch-theologische Begründung von Dante-Dichter akzeptieren oder nicht, so erinnert seine tiefe Abscheu gegen die Wucherer (angezeigt durch ihre vergleichsweise heftige Bestrafung innerhalb seiner Hölle) frappierend an die Heftigkeit der Boni-Diskussionen im Nachklang der letzten Finanzkrise.
Warum interessiert es denn so viele Menschen so sehr, was eine bestimmte Branche meint, ihren Angestellten zahlen zu müssen?
(Es handelt sich bei den meisten Investmentbanker/Tradern ja nicht einmal um Managementpositionen mit Führungsaufgaben - im Organigramm stehen sie relativ weit unten...) 
Wir haben schließlich einen freie Berufswahl in Deutschland (und dem Großteil des betroffenen Auslands) - wer viel Geld verdienen will, kann sich, theoretisch, mit siebzehn darüber informieren und entsprechende Karriereschritte einleiten.
Aber ist es wirklich nur eine Neid-Debatte? Das wird ja immer behauptet: dass man in Deutschland nicht erfolgreich sein dürfe, zumindest dürfe man seinen Erfolg nicht nach außen zeigen (mein Haus, Auto, Yacht...), das rufe Neider auf den Plan.
Ich bin nicht so sicher. Mit Dante meine ich, dass wir unsere judo-christliche, westlich-kapitalistische Kultur nicht auf ein (Dante natürlich noch unbekanntes) Bild von calvinistischer Erwerbsethik reduzieren dürfen.
Nach dieser Auffasung ist ja bekanntlich Erfolg (=Reichtum) ein Zeichen von Gottes Wohlwollen - wer hart arbeitet, wird von Gott reich belohnt. Umkehrschluss: wer reich (belohnt) ist, hat Gottes Anerkennung. Ein Fehlschluss, sicher, man darf schließlich nicht von der Wirkung auf die Ursache schließen. Außerdem kennen wir alle sehr sehr viele Menschen, zählen uns womöglich selbst dazu, die hart arbeiten und trotzdem nicht reich sind. (Ob sie Gottes Wohlwollen haben und/oder sonstwie glücklich sind, kann hier nicht erörtert werden).
Auf jeden Fall zeigt die Passage, dass das Unbehagen gegenüber der Art und Weise, wie der Reichtum der Wucherer/Bänker entsteht, schon sehr alt ist, sozusagen in unserer kulturellen DNA steckt:
Der Wucherer, so fühlen wir, wird reich - ohne etwas zu Produzieren, ohne eine Dienstleistung zu erbringen, ohne einen Gegenpart in der realen, materiellen Welt zu schaffen. Der Tauschwert des Geldes wird vom Tauschwert der Ware oder Dienstleistung entkoppelt.
Oder, um es mit Aristoteles zu sagen:

"So ist der Wucher hassenswert, weil er aus dem Geld selbst den Erwerb zieht und nicht aus dem, wofür das Geld da ist. Denn das Geld ist um des Tausches willen erfunden worden, durch den Zins vermehrt es sich dagegen durch sich selbst. Diese Art des Gelderwerbs ist also am meisten gegen die Natur."
Moderne Volkswirte mögen diese Ansicht falsch finden. Vielleicht haben sie recht. Andererseits finden moderne Volkswirte meines Wissens auch galoppierende Inflation oder ebensolche Deflation falsch. Und es sind doch vor allem die exzessiven Gehälter der Investmentbanker, die mit so viel Unbehagen betrachtet werden (Boni von 300% und mehr) -nicht die Tatsache, dass sie überhaupt ein Gehalt bekommen. 300% mehr verdienen als das, was meine Arbeit laut Arbeitsvertrag eigentlich wert ist?
Liebe Volkswirte: rechnet doch nochmal nach. Aber belasst es nicht bei der Mathematik. Denkt daran, dass Ihr eigentlich Sozialwissenschaftler seid...

Lernen aus Büchern:
Maß halten. Und schauen, wem man schadet - es ist schlimmer, sich selbst zu schaden, als "nur" anderen. Es ist schlimmer, wissentlich wider bessere (gottgebene) Vernunft zu handeln, als aus Maßlosigkeit oder Bosheit. Am meisten leidet, wer gegen (gesellschaftliche, göttliche, moralische) Normen verstößt.

Donnerstag, 7. November 2013

LaB. Dante Aleghieri: Inferno. Canto v.

(völlig überarbeiteter Blogpost)
Es ist immer wieder schön festzustellen, warum ein Buch ein Bestseller ist. Häufig liegt es nämlich daran, dass es einfach Freude macht, es zu lesen.
Noch schöner ist es aber, wenn man entdeckt, warum ein Buch Teil des literarischen Kanons ist. Dabei muss man die Lesefreude manchmal auch erst ein bißchen suchen.
Ich zum Beispiel bin zur Zeit damit beschäftigt, Dante zu lesen. Genauer: die Göttliche Komödie. Genauer: das Inferno, also den ersten Teil der Trilogie, wenn man so will, und, wie viele Stimmen behaupten, auch den besten. Weil nämlich: Hölle! Monster, Teufel, Sünder!!!
Teil 2 (Purgatorio=Läuterungsberg) und Teil 3 (=Paradies) können dagegen nur vergleichsweise langweilig sein. Oder, schlimmer, theologisch. Oder so.

Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob ich es je erfahren werde. Also ob ich nach dem Inferno, ohne den selbst-auferlegten aber äußerlich kontrollierten Zwang regelmäßigen Lesenmüssens über das Inferno hinaus kommen werde.
Dante ist keine einfache Strandlektüre. 
(Für einfache Strandlektüre zu ähnlichen Themen wenden Sie sich bitte vertrauensvoll an Dan Brown).
Man muss sich schon ein bißchen darauf einlassen.
Zum Glück gibt es das Internet, und im Internet gibt es Lesehilfen. Und die helfen tatsächlich, sei es mit etwas Hintergrundwissen, sei es mit nützlichen Fragen, die man an den Text richten kann.
Sei es, dass Roberto Benigni sich ganz alleine auf eine Opernbühne stellt und einen Gesang aus der Commedia rezitiert. Vor ausverkauftem Haus. So dass wir Teutonen in den Genuss der italienischen Klänge und Vokale und Terzinen und Rhythmen kommen.
*seufz*
schon schön.

Der Schlüsselsatz für mich ist übrigens bei
8:18
Galeotto fu il libro e chi lo scrisse: quel giorno più non vi leggemmo avante.
Verführer war das Buch und der's geschrieben. An jenem Tage lasen wir nicht weiter..
 
Literatur ist eben gefährlich.
Aber von vorn:
Im fünften Gesang betritt Dante, unser Protagonist, mit seinem Führer Vergil endlich die "richtige" Hölle.

(Zuvor wanderte er verloren im Wald (canto i), traf Vergil, der ihm  im Auftrag der seligen Beatrice den Weg durch das Jenseits zeigen soll (canto ii), trat durch das Höllentor in den Bereich der "Lauwarmen", der Parteilosen, der -soll man sie Schweizer nennen? - (canto iii) und überquerte den Acheron Richtung Limbo, also der Vorhölle, wo die tugendhaften aber leider mangels Taufe von der Erlösung ausgeschlossenen antiken Helden weilen (canto iv).)

Nun also, endlich, echte Sünder. Dante (also der Dichter, der sich das Ganze ausgedacht hat) - Dante-Dichter also bestraft alle "seine" Sünder angemessen. Nach dem homöopathischen Prinzip, dass Gleiches mit Gleichem zu vergelten sei, muss die Strafe also der Sünde entsprechen. (Die Forschung nennt das "contrapasso". Aha.) Und die Sünde, die diese armen Seelen hier im fünften Gesang begangen haben, ist "Wollust" - zügellose Liebe, der sie sich hingegeben haben - obwohl sie bereits anderweitig verheiratet waren, beispielsweise. Zur Strafe treiben die armen Seelen nun hilflos im Wind, genauso unkontrolliert und haltlos, wie sie sich ihrer Liebe bzw. Wollust hingegeben haben.

Dante-Protagonist also ruft sich zwei solcher Seelen heran, es ist das (dank Dante) berühmte Paar Francesca da Rimini und Paolo Malatesta (ihr Schwager). Er lässt sich von Francesca erzählen, wie es zur Sünde kam. Glücklicherweise herrscht gerade ein bißchen Flaute, so dass das Paar verweilen kann -und siehe da. man war ineinander verliebt. Paolos Liebe: denn Francesca war schön, Paolos Liebe, denn sie erweckt Francescas Gegenliebe, ihrer beider Liebe, für die der Bruder/Ehemann sie beide erschlug - voilà.

Immerhin muss auch der Mörder in die Hölle, wenn auch weiter unten/hinten (Kreis 8, bei den Verwandtenmördern).

Sowohl Dante-Dichter als auch Dante-Protagonist haben großes Verständnis für die Liebe - ist nicht Dante selbst gerade dabei, seiner Beatrice zu folgen? Ein Mädchen, dass er nur zweimal gesehen, die längst verstorben, die er aber in seiner Literatur zur Liebe seines Lebens stilisiert hat?

(Man fragt sich schon, was wohl Frau Aleghieri davon hielt. Dennoch: Dante und Beatrice, das war rein platonisch!) 

Dante-Protagonist fragt also nach: Liebe allein bring niemanden in die Hölle - was ist passiert?
Und Francesca antwortet: 
Man habe ganz friedlich beieinander gesessen und hat gelesen. Einen Bestseller: Lanzelot! Und als Ritter Lanzelot sich in Guinevere verliebt habe, die Frau seines Königs - da sei man ganz blaß geworden. Und habe sich angesehen und gezittert. Und als Lanzelot Guinevere geküsst habe ... da habe auch Paolo seine Schwägerin geküsst.
Galeotto fu il libro e chi lo scrisse: quel giorno più non vi leggemmo avante.

Und zwar nicht, wirklich nicht, weil kurz danach bereits beide vom eifersüchtigen Ehemann und Bruder erschlagen wurden. Nein! Ein Kuss hätte da wohl nicht ausgereicht. Der Ehemann und Bruder wird sie wohl mindestens eine Dreiviertelstunde nach diesem ersten Kuss erwischt haben. Meine Güte! Muss man denn immer alles ausbuchstabieren?

Und Dante-Protagonist fällt vor Mitleid in Ohnmacht.

Was für eine Geschichte! Die Tragik des Paares, die schlimme Strafe --- Moment. Ist man denn bestraft, wenn man nun für immer mit dem Liebsten zusammen sein darf? Ja, sagt Dante-Dichter mittels Francesca: 
„Kein Schmerz kann mehr verwunden, 
Als der : im Elend freudenreicher Tage
Zu denken"...
Die Strafe ist also tatsächlich eine Strafe. Aber mit der Reue scheint es noch ziemlich weit her - zumindest Francesca, als redende, sich erklärende Person, schiebt die Verantwortung weit von sich. Paolo ist schuld (denn er hat sich zuerst verliebt), das Buch ist schuld (denn es hat sie auf dumme Ideen gebracht...) -- als haltlos, passiv, getrieben stellt sich Francesca dar (=stellt Dante-Dichter Francesca dar), ohne eigenen Sinn, Verstand, Anstand, Moral, Entscheidungsfähigkeit -- und genauso treibt sie nun im Wirbelwind des zweiten Höllenkreises.
Die Ärmste.

Lernen aus Büchern: 
Bücher sind gefährlich. Sie setzen einem Ideen in den Kopf. Man sollte diese Ideen genau prüfen, bevor man ihnen folgt.