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Sonntag, 31. Mai 2020

#kunstderwoche. Heute: Das Portrait der Mlle Duthé, von Henri-Pierre Danloux.

Letzte Woche habe ich für Frau @novemberregen etwas über Artemisia Gentileschi erzählt. 
Das hat großen Spaß gemacht. Davon abgesehen, dass ihre Bilder fantastisch sind, hat es mir sehr gut getan, mich wieder einmal rundherum kompetent zu fühlen.

Als ich mich vor zwei Jahren entschieden habe, eine Umschulung zur Fachinformatikerin für Anwendungsentwicklung zu machen, ging es mir vor allem darum, etwas Neues zu lernen. Und das habe ich ja auch. Ich habe mich aber auch in eine Situation gebracht, in der ich -zum ersten Mal seit sehr langer Zeit - wieder einmal wirklich völlig inkompetent war. Ich hatte keinerlei Vorkenntnisse im Programmieren. Ich bin nicht mit einem C64 oder Atari aufgewachsen. Ich spiele keine Computerspiele, modde mir keine cases und war noch nie auf dem CCC. 
Ich blogge auch immer noch in einem WYSIWYG-Editor. (Aber ich müsste das jetzt nicht mehr!)
Es ist wirklich für die meisten erwachsenen Menschen nicht nachvollziehbar, wie es sich anfühlt, wieder komplett zum Anfänger zu werden, der nicht einmal die Grundzüge eines Faches versteht, wie dumm man sich fühlt und wie hilflos. Vor allem, wenn man - wie ich - schon vor der Einschulung lesen konnte und immer mühelos und mit guten Noten durch die verschiedenen Lehranstalten gesegelt ist. 
Und ich habe aber  mich nicht nur selbst dumm und hilflos gefühlt - ich wurde auch (von einigen Menschen) so behandelt, als sei ich eine rundherum inkompetente Person, nur weil ich das ISO-OSI-Modell nicht kannte. (Zuletzt habe ich mich so in Japan gefühlt, wo ich nach einer Weile das Gefühl hatte, dass (manche) Menschen von meinem Sprachniveau (etwas dem einer Dreijährigen) auf meine intellektuelle Kapazität rückschließen wollten...)

Deshalb war es so wohltuend, wieder einmal etwas zu können - Bilder angucken habe ich nämlich gelernt. (Und in drei Wochen  habe ich Abschlussprüfung, und da kann ich auch zeigen, was ich in den letzten zwei Jahren gelernt habe, auch wenn mir das in der Corona-Zeit wahrscheinlich alles erstmal nichts nutzen wird.) 
Und ja, das kann man lernen. Viele Bilder angucken, beispielsweise, hilft enorm. Und genau hinsehen, in Worte fassen, was ich da sehe, hilft (mir) besonders. Mein Zugang zu Bildern kommt nämlich immer über das Wort. 

Genug der Vorrede. Im #kunstDerWoche google-doc hatte sich jemand ein Bild gewünscht:
"Das "Portrait de Mlle Duthé", von Henri-Pierre Danloux.
Von Rosalie Duthé gibt es zahlreiche Porträts unterschiedlicher Künstler, aber es handelt sich wahrscheinlich um dieses Bild:
 
Portrait of Mlle Duthé by Henri-Pierre Danloux, c.1792. © MAD, Paris / photo: Jean Tholance

Ich kannte weder Bild noch Künstler, aber in der Kunstgeschichtsausbildung gibt es etwas, das sich "Postkartentest" nennt: dabei muss man entweder wissen, was auf einer vom Prüfer wahllos vorgezeigten Postkarte dargestellt ist - oder es sich erschließen. Wie bei einem Dachbodenfund. 

Also, frisch ans Werk: die Namen deuten schon einmal auf Frankreich.
Kleidung, Haare, Interieur - französischer Rokoko, also 18. Jahrhundert, vor der Revolution. Der Rahmen scheint etwas später, aus dem Empire zu sein. Warum auch nicht. 
Wir sehen eine junge Frau in einem luftigen weißen Kleid. Die Ärmel sind bis zu den Ellbogen hochgeschoben. Sie kniet mit dem linken Bein auf einem petrolfarbenen Samtsofa, offenbar will sie gerade ein Bild aufhängen. Oder abnehmen. Sie dreht sich zum Betrachter/Maler um, als hätte dieser sie überrascht. Sie lächelt fein- es ist eine angenehme Überraschung. Hinter dem Sofa ist ein Vorhang aus dem gleichen petrolfarbenen Samt drapiert, tatsächlich ragt ein Nagel aus dem Stoff. Interessant. Mal was anderes als Bilderleisten auf weißer Rauhfaser. Links steht eine große Kommode, oder ein Sekretär(?) - ein elegantes, mit Intarsienstreifen verziertes Möbel, das ihr sicherlich bis zur Schulter reicht - und darauf ein kleiner Putto sowie eine mit Blumen gefüllte Vase.
Hier kann man das alles etwas besser erkennen.

Wir haben also ein Ganzkörperportrait, eingebettet in eine kleine Szene. Das Ganze wirkt informell, wie ein Schnappschuss, aber ist natürlich sorgfältig durchkomponiert, so dass wir eine Menge über die dargestellte Person erfahren. 
Was erfahren wir? 
1. Das Aussehen der Mmlle Duthé. 
Hübsch, aufwendig frisiert ("Frisur", das kommt von "Locken drehen", und keiner kann mir erzählen, dass sie ihre Haare alleine so toupiert hat. Oder das Mieder so fest gezogen hat. Sie wirkt rosig, frisch und gesund.
2. Der (Wohl-)Stand der Mmlle Duthé.
Es handelt sich um ein privates Boudoir - damit können wir die unteren Schichten schon einmal ausschließen. Die Möbel sind kostbar, ein Teppich bedeckt den Fußboden, Samt und Seiden definieren einen privaten Rückzugsraum. Hier werden keine Gäste empfangen, dies ist ein privates Gemach von einiger Eleganz und mit wertvollen Stoffen und Möbeln eingerichtet. Plus mindestens eine Zofe, siehe oben. Gehobenes Bürgertum oder niedriger Adel? Vor allem kann man erstmal auf ein gewisses Vermögen schließen. 

Aber auch, oha: hier sind auch Hinweise darauf, wie dieses Vermögen erworben wurde. Offenbar nicht ererbt oder erheiratet, vielmehr aus eigener Kraft, oder sollte ich sagen, mit eigenen Reizen erworben? (eine zu dieser Zeit keinesfalls anrüchige Methode, für eine junge hübsche Frau zu Geld zu kommen - lest mal etwas aus Casanovas Memoiren, oder "Gefährliche Liebschaften" -- Paris Hilton war nicht das erste It-Girl, das sich selbst zur Marke machte. Mein Verdacht jedenfalls, noch immer ohne den Wikipedia-Artikel gelesen zu haben, ist folgender: Fräulein Duthé erhält ein stattliches Auskommen und die Möglichkeit, sich in guter Gesellschaft zu bewegen, gegen gewisse Gegenleistungen. Denn:
3. Errrrotik überall.
Hier, ich zeige Euch das mal.
 
in gelb der Nagel

Nein, im Ernst! Als wäre das Setting nicht genug -- sie empfängt den Betrachter in einem Privatgemach, als sei das nicht ungewöhnlich. Befindet sich schon halb auf einem bequem aussehenden Sofa, kniend, sodass man ihren Knöchel (!!!) sehen kann (clutches pearls, scandalized)! Der geflügelte Putto steht natürlich für den Liebesgott Amor, und wenn wir uns das Bild genau betrachten...
... hier, ich mach das mal groß: Eine Schäferin! (sitzende Frau mit Schäferstab, oder?)
Schäferin = Schäferstündchen. Die Assoziation kommt genau aus dieser Zeit und aus diesem Mal-Genre, und ja, auch aus dieser städtisch-gehobenen-urban-weltläufigen Schicht von Malern und Salongesellschaftern, die noch nie einen Widder aus dem Dornbusch gezogen oder nachts im Regen einem Lamm auf die Welt geholfen haben, oder was auch immer es ist, was echte Schafhirten im echten Leben den ganzen Tag tun.
Ich wette, wenn man das genauer recherchiert, verraten auch die Blumen in der Vase irgendetwas erotisches, oder aber sie stehen als Vanitas-Symbol für die Vergänglichkeit der Schönheit. Wenn aber Deine Schönheit Dein größtes Kapital ist? Nunja. 
Zeit, einmal nachzulesen.
Und voilà! 
Das schöne Gefühl des Triumphes! 
Ich habe tatsächlich etwas sehen gelernt im Studium! Kompetenzen, Kompetenzen. 
(UND jetzt AUCH NOCH das Osi-Modell. Ha!)

Tatsächlich war Rosalie Duthé (1748–1830) eine gefeierte Kurtesane, die einflussreichen Männern reihenweise den Kopf verdreht hat. Und natürlich wurde sie von ihnen großzügig ausgehalten, das gehörte sich so. Sie gilt als das erste "dumme Blondchen", wahrscheinlich, weil sie vor dem Sprechen immer betont lange Pausen machte. Ganz so dumm kann sie nicht gewesen sein, an ihre "Karriere" ging sie jedenfalls sehr strategisch und zielgerichtet heran...doch auch dabei hat das Klischee sicher geholfen.
Unser Portrait ist von 1792, da war sie (schon) 44 Jahre alt. Der Maler, Henri-Pierre Danloux, war genau wie sie selbst vor den Auswirkungen der französischen Revolution nach England geflohen. Das Gemälde entstand im Auftrag von Rosalie Duthés Bankier und lebenslangem Freund, der sich zu dieser Zeit bemühte, ihr beschlagnahmtes Eigentum zurückzugewinnen oder zu Geld zu machen.
Rosalie Duthé kehrte erst 1816 nach Frankreich zurück, zusammen mit dem restlichen Profiteuren des Ancien Régime -- Napoleon saß sicher auf seiner Insel, die Bourbonen wieder auf dem Thron, ihre einflussreichen Jugendfreunde, so sie die Revolution überlebt hatten, kehrten zurück. (Der "Graf von Monte Christo" beschreibt die Stimmung und Situation dieser Zeit ganz hervorragend.) Ihr ex-Lover, der Graf d'Artois, hatte ein Aktportrait von ihr in seinem Badezimmer - er regierte1824 als Charles X. Und auch sein Nachfolger, König Louis Philippe I (ab 1830) erinnerte sich sicherlich gerne an die Frau, die von seinem Vater gebeten worden war, ihm "etwas über das Leben" beizubringen... 
Ach ja. Das war alles vor dem Biedermeier und der Empfindsamkeit und all den moralischen, (klein-)bürgerlichen Einschränkungen, die erst 1968 wieder in Frage gestellt wurden! 

Eine interessante Frau! Sie hinterließ nach ihrem Tod im Jahr 1830, mit 82 (!) Jahren, viele Freunde und kein geringes Vermögen.
Was für ein interessantes Leben! Man sollte das mal verfilmen.

Dankeschön für den Auftrag, liebes Internet - das hätte ich sonst alles nicht erfahren. Jetzt dürfen aber erstmal wieder andere ran...



Links:
https://georgianera.wordpress.com/2018/03/20/rosalie-duthe-courtesan-opera-dancer-and-the-first-dumb-blonde/
https://fr.wikipedia.org/wiki/Rosalie_Duth%C3%A9 
https://en.wikipedia.org/wiki/Rosalie_Duth%c3%a9
https://de.wikipedia.org/wiki/Henri-Pierre_Danloux
https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Danloux-duthe.jpg

Montag, 13. Mai 2019

Blogpause

Kinnings, es hilft nichts.
Ich komme zu nichts, schon gar nicht zum bloggen.
Ich melde mich, wenn es dringend ist, mich wieder zu äußern. Bis dahin:  Prioritäten setzen.
Und die liegen zur Zeit
a) auf der Umschulung
b) auf der Familie
und c) auf meiner geistigen und körperlichen Gesundheit.
a ist in einem Jahr hoffentlich fertig, dann kann ich neu evaluieren.

Dienstag, 21. Februar 2017

Fettlogik überwinden. Teil 6: Zwischenbilanz nach 20 Wochen.

Seit nunmehr 20 vollen Wochen zähle ich Kalorien.
Das nervt ganz schön, und geht auch nur, weil ich zur Zeit (fast immer) den ganzen Tag zu Hause bin.
Ich esse regelmäßig - weil das Kind regelmäßig essen muss - und nicht auswärts. Dadurch kann ich alles abwiegen, das meiste selbst kochen und insgesamt eine gute Kontrolle darüber behalten, was ich mir in den Mund stecke.
Selbst über die "schwierige" Weihnachtszeit bin ich so gekommen - auch wenn die Plätzchen abgezählt waren und größtenteils aus gekauften Spekulatius bestanden.
Dennoch gab es Tage, an denen ich nicht aufschreiben konnte - meist außerhäusige Einladungen, bei denen man weder nach dem genauen Rezept noch der aufgetischten Menge fragen konnte. Und obwohl ich an diesen Tagen wahrscheinlich kein Kaloriendefizit hatte, habe ich auch nicht maßlos über die Stränge geschlagen. Allerdings waren es aufgrund von Hochzeiten, Taufen, runden Geburtstagen und Weihnachtseinladungen insgesamt seit Oktober etwa 25 Tage, also fast vier volle Wochen, an denen ich keine Daten erhoben habe.
Die ersten 12 Wochen habe ich dennoch täglich durchschnittlich 20% vom Kaloriensoll, dass fddb für mich vorschlägt, eingespart. Der niedrigste Wert lag bei 17%, der höchste bei 25%. Nur ein einziges Mal bin ich um etwa 300 kcal über mein Budget gekommen. Insgesamt bin ich damit sehr zufrieden- das Eßverhalten ist kontrolliert und vernünftig, und ich esse auch - wenn ich darauf achte - genug Eiweiß. Doch trotz fast 45000 eingesparter Kalorien hatte ich bis Ende des Jahres nicht die errechneten 6kg, sondern weniger als 3kg weniger auf der Waage.
Das war ganz schön frustrierend, aber ich habe mich damit getröstet, dass ich seit ebendieser Zeit Cortisonhaltige Tabletten nehmen musste, und diese wahrscheinlich stark Wasser einlagern. Also nicht aufgeben, weiter im Text.
Dennoch hat das Plateau dazu geführt, dass ich -ohne mich richtig dazu zu entscheiden- mein Defizit weiter erhöht habe. Seit drei Wochen muss ich die Tabletten nicht mehr nehmen und inzwischen liegt mein durchschnittliches Kaloriendefizit bei 35%. Da auch die Saison für Familienfeiern offenbar erst einmal vorbei ist, klappt das ganz gut, auch wenn 65% mir schwerer fallen als 80%. Aber es ist immer noch ab und zu ein Stück Schokolade drin. Alles gut.
Mit Absetzen der Tabletten gab es tatsächlich einen Sprung - 2,4kg weniger! Ist der Bann jetzt gebrochen?
Leider nein. Drei Wochen bei 65%, und die verzeichnete Abnahme (nach einer erneuten Spitze nach oben) ist 0,5kg. Das heißt, ich habe seit Oktober fast 80.000 kcal eingespart, und statt der rechnerisch möglichen 11kg nur etwa die Hälfte davon abgenommen.
Ok, da sind 25 undokumentierte Tage, in denen ich theoretisch über Bedarf gegessen habe - aber ganz sicher nicht im Umfang von 6kg... Ich mache zwar babybedingt gerade nicht sehr regelmäßig Sport, aber -ebenfalls babybedingt- sitze ich auch nicht den ganzen Tag untätig herum. Mindestens 60 Minuten Spaziergang täglich plus Bücken/Heben/Tragen eines 10kg-Bündels - klar da geht mehr. Aber ich trage mir keinerlei Aktivitätspunkte ein, müsste also in der fddb-Kategorie "überwiegend sitzend" alles in allem richtig verortet sein, wenn man annimmt, dass das dort errechnete "Soll" nicht nur den Grundumsatz umfasst.

Die Tendenz ist ja auch nach wie vor richtig. Nur eben viel langsamer als gedacht. Grummel.
Bleibt wohl nur eins: mehr Bewegung. Mehr Sport.

Meine Auseinandersetzung mit dem Buch erfolgt gründlich und ausführlich und kann hier nachgelesen werden. Was bisher geschah:

Vorspiel: Mein dickes Ich.
Teil 1: Um das Buch herumlesen.
Teil 2: Das Buch anschauen, aber noch nicht lesen, weil man ja eh weiß, was drin steht.
Teil 3: Das Buch lesen.
Teil 4: Fettlogik überwinden. 
Teil 4: Vom Lesen zum Handeln. 
Fettlogik überwinden. Teil 5: Zwischenbilanz nach 7 Wochen.
 


Donnerstag, 19. Februar 2015

Schreckgespenst Studienabbruch.

Im Durchschnitt, so liest man, brechen 25 % der Studierenden ihr Studium ab - abhängig vom Fach variiert die Quote auf bis zu 30%. Daran hat auch die Bologna-Reform nichts geändert.
Immerhin - seit der Bologna-Reform machen sich immer mehr Hochschulen Gedanken darüber, warum das so ist, und wie man Studienabbrüche verhindern kann. Das ist schon einmal eine gute Entwicklung.  Selbst renommierte technische Hochschulen können sich nicht mehr darauf ausruhen, dass sich eben nur "die Besten" durchsetzen - wenn es einen Fachkräftemangel gibt, kann man eben nicht die paar Interessierten auch noch aktiv vertreiben. (Ich spreche nicht vom Senken der Anforderungen, sondern von Hilfestellung bei Schwierigkeiten.)

Vor ein paar Tagen äußerte sich Dominikus Herzberg, Informatikprofessor an der THM Giessen, in einem Artikel in der ZEIT und forderte frei kombinierbare Studiengänge, in denen Studierende ihre Stärken kombinieren und "Problemfächern" ausweichen könnten, denn "zu viele Studierende brechen ihr Studium wegen Problemfächern ab". Dies sei auch ein Problem für die Industrie, die eher an den Stärken als an den Schwächen der Absolventen interessiert sei.
"Das eine Unternehmen hätte kein Problem mit einem Informatik-Studenten, der mit dem Pflichtfach "Theoretische Informatik" nicht klarkommt. Ein Bachelor-Zeugnis mit einem Ersatz-Fach, sagen wir "Smartphone-Programmierung", wäre kein Problem. Hauptsache ein Bachelor-Zeugnis. Ein anderes Unternehmen, das sich etwa auf Steuersysteme für Autos spezialisiert hat, will die Theoretische Informatik im Zeugnis nicht missen. Die Mitarbeiter sollen die feinsinnigen theoretischen Grundlagen beherrschen, die eine Software für das Bremssystem zuverlässig und robust machen. Was sich in der Welt da draußen an Diversität nicht ausschließt, wird an der Hochschule zu einem Problem und macht Bildungsläufe kaputt." (Link aus dem Artikel)
Nun gibt es aber Gründe, warum erfahrene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über Jahrzehnte hinweg Studiengänge konzipiert haben, Studienordnungen geschrieben, Pflichtfächer definiert und Mindeststandards eingeführt. Denn nicht nur in den berufsbildnahen Fächern ist es nützlich, erst Grundlagen zu lernen und erst dann Vertiefungsfächer zu wählen, wenn man einen Überblick über die zu erlernende Disziplin gewonnen hat. Vielleicht kannte man Teilbereiche des Faches bisher gar nicht, oder hatte eine falsche Vorstellung davon, wie es sich entwickelt? Studienprogramme bieten eine Hilfestellung in der Orientierung innerhalb eines Faches, und in einem Großteil der Fälle ist diese Hilfestellung auch notwendig. Ob das Studienprogramm in seiner Aufteilung sinnvoll war, kann man eigentlich erst nach der Prüfung beurteilen.

Komplett selbst zusammenstellbare Studiengänge sind hingegen weltweit sehr selten. In Deutschland kenne ich - abgesehen von einigen Schnupperstudienmodellen wie dem Tübinger Leibniz Kolleg, für das es aber keinen BA-Abschluss gibt - nur das Studium Individuale an der Leuphana Universität. Und selbst hier werden die Studierenden mit einigen Pflichtmodulen Forschungsmethoden oder Projektarbeit zumindest beim reflektierten Erwerb akademischen Arbeitens unterstützt. Das Auswahlverfahren ist sehr streng und begünstigt Menschen, die ein genaues Lernziel haben gegenüber "Schmetterlingen", die sich für alles ein bißchen und für nichts richtig interessieren. Es erfordert eine hohe Eigenmotivation, Selbstorganisation und Zielstrebigkeit. Meines Erachtens ist es eher geeignet für Menschen, die schon etwas Berufserfahrung gesammelt haben, und dabei ihre Wissenslücken schon definieren konnten.

In einem kurzen Twitter-, dann E-Mail-Austausch mit Prof. Herzberg habe ich diese Meinung auch geäußert. Zusammengefasst gibt es sehr unterschiedliche Gründe, für einen Studienabbruch, die ich in diesem Blog noch einmal besser strukturiert wiederzugeben versuche...

Mögliche Gründe für Studienabbruch
 können z. B. sein:
a) man studiert das falsche Fach/ Studiengang (und sattelt um)

b) man ist an der falschen Hochschule (und zieht um)

c) man ist an der falschen Hochschulform (und wechselt zu FH oder BA oder Uni...)

d) man ist an einem Studium eigentlich nicht interessiert/nicht dafür gemacht/hatte falsche Vorstellungen (und macht z.B. besser eine Ausbildung)
Diese Fälle kann man möglicherweise durch bessere Informationen und Beratungsangebote vor Aufnahme des Studiums vermindern oder zumindest begleiten/abfedern. Den Studierenden kann man nur raten, die Informationsangebote auch rechzeitig zu nutzen. Aber manchmal muss man eben schon im Wasser sein, um entscheiden zu können, ob es zu nass ist oder zu kalt oder zu tief oder ob man gegen Chlor allergisch ist. 
Meines Erachtens sollten Studierende, Hochschulen und Dozierende aber froh sein, wenn die Studierenden ihre Fehlentscheidung innerhalb der ersten zwei Semester merken und nicht viel Zeit verlieren. Im Gegenteil: es ist als Erfolg zu werten, wenn es zu informierten (!) Neuorientierungen kommt. Denn in fast allen Fällen bedeutet Abbruch nicht gleich "Versagen: obdachlos unter der Brücke" - sondern höchstens: eine andere Biographie als erwartet.
e) man wird durch biographische Einflüsse vom Studium abgebracht (aber gründet vielleicht ein erfolgreiches Startup, oder eine Familie, oder...)
Wenn man selbst oder Familienangehörige krank werden oder sterben, wenn man überraschend eine gut bezahlte Stelle im Ausbildungsberuf oder Nebenjob erhält, wenn einem die Stadt nicht gefällt oder man Liebeskummer hat, oder man selbst oder die Freundin schwanger wird, kurzum: wenn eines von unzähligen Ereignissen eintritt, die unser Leben beeinflussen - dann kann es zum Studienabbruch kommen. Da kann aber auch die beste Studienberatung nichts ändern. Studierende bringen ihr eigenes Leben mit, und die Hochschule ist davon nur ein Teil, und nicht immer der wichtigste. 
(Ausnahme: Geldsorgen sollten niemals ein Grund für den Studienabbruch sein - Bafög und Stipendien sollten das eigentlich verhindern. Dennoch kommt es vor - leider - denn es ist ein politisch leicht lösbares Problem.)
Aber von Studienabbrechern konkrete Gründe für den Abbruch zu erfahren ist schwierig - die meisten Absolventenbefragungen sind freiwillig, und wer im Zorn oder Frust geht, der wird sie wohl meiden.  Leider sind die Statistiken zum Studienabbruch über alle Studiengänge hinweg sehr ungenau. In der Regel werden nur einzelne Bewegungen erfasst, keinesfalls aber konkrete Studienbiografien. Das heißt, es gibt eine Schwundquote (von x Studienanfängern sind noch x-n im 2. Semester, x-n-n im 6 Semester etc), die aber keinerlei Aussage darüber trifft, wie erfolgreich ein einzelner Studierender ist. Ein oder zwei Semester länger zu studieren erfüllt viele Bacherloranwärter bspw. mit Panikattacken - dabei wird sich ein sorgfältiges Studium auf lange Sicht möglicherweise sogar auszahlen. Auch ist es schwierig, Fachwechsel konkret nachzuverfolgen - ein Fachwechsler ist aber nicht unbedingt ein Studienabbrecher. In den alten Diplom-/Magisterstudiengängen war es noch schwieriger, weil Studierende ermutigt wurden, nach der Zwischenprüfung die Uni zu wechseln -- und dadurch in der Statistik zum Abbrecher wurden.
Solange wir individuelle Studienbiographien nicht über Hochschul-, Stadt- und Länderwechsel hinweg verfolgen können, bleibt jede Aussage spekulativ.
Immerhin scheint es eine Tendenz zu geben. Fächer, die gerade am Anfang eine schlechte Abbrecherquote haben ( z. B. Informatik, Ingenieure)  haben auch gute Absolventenquoten - viele Abschlüsse in der Regelstudienzeit mit ordentlichen Noten.
Ich schließe daraus, dass v.a. die Leute schwinden, die falsche Erwartungen an das Studium hatten bezüglich Inhalten, Arbeitsaufwand, Interesse, und die anderen übrig bleiben.
 f) man fällt durch eine oder alle Prüfungen (und ergreift die Option a, b, c, d, e)
Ein solcher Fall hat den o.g. Artikel ausgelöst.
Das ist bedauerlich, besonders wenn es, wie im Artikel geschilderten Fall, die "employability" des Studierenden nicht im geringsten beeinflusst hätte. Natürlich sollten die Grundlagen des Faches beherrscht werden, aber wegen eines Vertiefungsfaches das gesamte Studium nicht anerkannt zu bekommen - tragisch. Selbst wenn ein Jurist das erste Staatsexamen nicht besteht, so hat er/sie doch 4-5 Jahre lang Jura studiert und versteht davon mehr, als jemand, der/die das nicht getan hat. Dennoch ist er/sie eben kein/e Jurist/in, und das ist auch in Ordnung.
Nicht in Ordnung ist es, dass Unternehmen sich bei Ihren Stellenbesetzungen so selten genau damit auseinandersetzen, was die gesuchte Person auf der ausgeschriebenen Stelle eigentlich können muss - wird ein Volljurist überhaupt benötigt? Hier ist die Wirtschaft in der Pflicht. Die Fixierung auf formale Kriterien bei gleichzeitigem Wunsch nach eierlegenden Wollmilchsäuen bietet Menschen mit "krummen" Biographien (oder unerwarteten Abschlüssen, Stichwort: Geisteswissenschaften in der Wirtschaft) wenig Chancen, sich zu beweisen. 
Vielleicht ist der Fachkräftemangel/Akademikermangel eben doch nicht so groß, wie immer behauptet wird?



Statistik für Motive zum Studienabbruch (2000/2008)
 http://de.statista.com/statistik/daten/studie/75078/umfrage/studium---motiv-fuer-den-abbruch/

Prof. Herzberg bloggt unter 
http://denkspuren.blogspot.de/








Donnerstag, 9. Januar 2014

Das Buch im Zeitalter des Internets.

Ein Buch  zu schreiben ist schon schwierig. Ein Buch zu veröffentlichen ist noch viel schwieriger.
So weit die Binsenweisheit.
Und sie gilt natürlich nur für den "richtigen" Buchmarkt.

"Buch" heißt dann: von einem Verlag betreut (Lektorat, Layout, Marketing), auf Papier gedruckt, zwischen Buchdeckel gebunden, und mit ISBN-Nummer versehen im Buchhandel erhältlich.
Der Autor/die Autorin kann sich im Falle einer solchen Kooperation mit einem Verlag auf das eigentliche Schreiben des Textes konzentrieren. Man reicht beim Verlag ein Exposé ein, erhält einen Vertrag und einen Vorschuss, schickt irgendwann einen Rohtext, der mehr oder weniger stark lektoriert wird, und der Verlag kümmert sich um den Rest: Marktanalyse (will das jemand lesen? kann man damit Geld verdienen? Gibt's das schon?), Marketing, und technische Details wie Layout, Papierwahl, Drucktype etc.
Diese Arbeitsteilung scheint sich über die Jahrhundert bewährt zu haben, und offenbar können sowohl Buchverlage davon leben, als auch die Autorinnen und Autoren. Letztere bekommen, so stellt man sich das vor, einen Vorschuss und mindestens bei mehrfachen Auflagen eine Gewinnbeteiligung in Form von Tantiemen, erstere können nicht nur ihre eigenen Gehälter zahlen, sondern auch die der am Buchentstehungsprozess beteiligten Personen: Lektoren, Layouter, Drucker, Buchhalter, Marketingfritzen etc.Der Buchmarkt boomt, entgegen aller Krisen des Gutenberguniversums, denn Menschen kaufen und lesen nach wie vor Bücher, nicht wenige davon erstaunlich schlecht und unnütz.

Der buchschreibende Nachwuchs weiß natürlich, dass die große Hürde ist, überhaupt von einem Verlag angenommen zu werden - zumal es da noch die Hackordnung unter den Verlagen gibt. Es gibt wichtige, ernsthafte, seriöse, große Verlage - und kleine, feine, schöngeistige Nischenverlage - und natürlich auch Schundverlage.
Und, in Zeiten  des Internets, natürlich book-on-demand, vanity-Verlage und Blogs, und vielerlei weitere Möglichkeiten, sein Geschreibsel zu "publizieren", wobei in diesen letzeren Fällen die Publikationshürde zwar erfreulich niedrig ist, aber auch niemand die Qualität der Texte begutachtet (mit allen Vor-und Nachteilen) und der Autor/die Autorin auf einmal allerlei Aufgaben (Layout, Lektorat) selber erfüllen oder zumindest selber bezahlen muss, für die andere Menschen eine dreijährige Fachausbildung absolviert haben. Das kann natürlich gut gehen. Muss aber nicht. Dennoch rät das "Handbuch für Autoren" von diesem Weg ab - wer ein gutes Buch schreiben kann, der kann dafür auch einen seriösen Verlag finden. Dem Autor/der Autorin alle Kosten aufzudrücken ohne ein wie auch immer geartetes Gehalt zu zahlen sei hingegen unseriös - von solchen "vanity publishern" solle man sich fernhalten.

Ein guter Rat, es sei denn, man ist Wissenschaftler/in, und per Promotionsordnung zur Publikation der Forschungsergebnisse (=Doktorarbeit) gezwungen. Je nach Disziplin ist es da mit einem Aufsatz in einer Fachzeitschrift nicht getan, auch Onlinepublikationen werden (noch) nicht gebührend innerhalb der Fachgemeinschaft wahrgenommen - oft zählt, gerade in den Geistes-  und Kulturwissenschaften, nur das Buch, in seiner oben beschriebenen Form.
Der Autor/die Autorin wird damit automatisch zum leicht erpressbaren Bittsteller. Zwar können die (renommierten) Verlage die Manuskripte ablehnen, selbstverständlich können sie das. Wenn sie aber zusagen, heißt das nicht, dass man nun seine Arbeit als Rohtext einreicht, ein Lektorat erfolgt, bei dem die akademische Sprache etwas gelindert oder der Fußnotenwald etwas gelichtet wird.
Man bekommt vielmehr einen Vertrag, in dem man alle Autorenrechte abtritt (inklusive Film-,Fernsehen und Audioversionen) und den Auftrag, einen "Druckkostenzuschuss" einzuwerben. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich der geforderte Betrag (was ist überhaupt ein Zuschuss - etwa ein Drittel? die Hälfte? Zwei Drittel?) nicht nur als volle Übernahme der Druckkosten, sondern auch als volle Übernahme sämtlicher Kosten, die der Verlag hat.

(Zum Teil wird dabei sogar noch willkürlich ein Aufschlag erhoben, der sich mit tatsächlich entstehenden Kosten nicht erklären lässt. Zum Beispiel, wenn man einfach mal willkürlich für jede Abbildung (schwarz-weiß!) 5,- Euro Aufschlag verlangt. Letzteres ließe sich für den Vertrag begründen mit dem nötigen Layout (das aber der Autor/die Autorin macht), oder (früher mal) dem Rastern (das aber seit Digitaldruck nicht mehr nötig ist), oder Bildrechten (die der Autor/die Autorin kaufen müsste und deren Nachdruck ohnehin in s/w und bei enstprechend geringer Größe als Bildzitat rechtlich unbedenklich wären). Oder aber mit dem teueren Druck, nur dass es eben keinen Cent mehr kostet, eine Seite mit S/W-Text oder S/W-Bild zu drucken. (Ich spreche nicht von Farbdruck, das ist ein ganz anderes Thema.) Kurzum: willkürlich. Macht in meinem Fall, denn ich schreibe dies natürlich nicht zufällig auf, fast 1800,- Euro.)

Das gesamte wirtschaftliche Risiko wird also auf den Autor/die Autorin abgewälzt. Als "Entlohnung" werden Belegexemplare und der zu erwartende Scheck der VG-Wort in Aussicht gestellt. Und natürlich gibt es endlich die ersehnte Urkunde, Ruhm und Ehre, und von der Steuer lässt sich das alles natürlich auch absetzen. Hurra.

Vanity Publishing in Reinform. 
Oder man macht es eben doch online.