Dienstag, 23. August 2016

Fettlogik überwinden. Teil 2: Das Buch anschauen, aber noch nicht lesen, weil man ja eh weiß, was drin steht.

Das Buch "Fettlogik überwinden" von Dr. Nadja Hermann landete an dem Tag im Briefkasten, an dem ich ins Krankenhaus zur Entbindung fuhr.  
Das schien der passende Zeitpunkt, denn mein gefühlt "richtiges" Übergewicht (ich unterscheide hier nicht zwischen den Stufen "Übergewicht - adipös - schwer adipös etc) ging tatsächlich erst mit meiner ersten Schwangerschaft vor vier Jahren los. Zwar war ich auch vorher schon dick, aber erst mit den ü100 wurden mir die körperlichen Einschränkungen richtig bewusst bzw. begannen, sich wirklich störend auf meinen Alltag auszuwirken. Ab 100kg konnte ich wirklich gar keine Kleidung mehr in "normalen" Geschäften einkaufen. Für Unterwäsche wurde ich im Kaufhaus gleich an die Wühltische geschickt (wo es auch nur Schlüpfer bis Größe 48 gibt), als sei mein Geld noch wertloser als ich. Und wer mal "Umstandsmode Übergrößen" gegoogelt hat, stellt fest, dass auch hier das Angebot jenseits der 46 (plus Babybauch) sehr sehr dünn (ha!) ist. Auch die Sitze mit den Armlehnen in der Bahn oder im Kino erinnerten mich daran, dass ich die Norm sprengte.

Weil ich immer öfter unter Essattacken litt - nicht: Heißhunger durch die Schwangerschaft. Der kam extra - wandte ich mich an eine Psychologin, mit der Eigendiagnose "Binge Eating". Die empfahl mir ein Buch, nach dessen Lektüre ich genausoviel wusste wie vorher (ich glaube, ich leide an Binge Eating Attacken), und weigerte sich ansonsten, mir zu helfen. Denn wer schwanger ist, soll ja keine Diät machen, und beim Stillen nimmt man das alles ja ohnehin ganz schnell wieder ab.
Ich war schwanger, schrieb die Doktorarbeit fertig, reichte sie ein und fing wieder an, 200km zur Arbeit zu pendeln. Ich nahm weiter zu (schwanger), verteidigte die Diss bereits im Mutterschutz, bekam das Kind - und dann, völlig unerwartet, starb das Baby.
Um eine sehr lange, schwere Trauerphase in ein paar themenrelevante Sätze zu fassen - statt beim Stillen abzunehmen, aß ich Apfelkuchen. Und nahm zu. Auch die Binge-eating-Anfälle häuften sich. Ich begann eine Therapie mit insgesamt drei verschiedenen Therapeuten, die mir gut über die Trauer halfen, und auch die nahtlos folgende Depression konnte ich erstmal überwinden. Das Thema "Essen" stand aber aufgrund der "aktuellen" Probleme immer hintenan.
Zu Beginn der heißersehnten zweiten Schwangerschaft wog ich etwa 129 kg. Ich nahm mir vor, diesmal die Gewichtszunahme zu kontrollieren. Wer normalgewichtig schwanger wird, muss sich gewiss ein bisschen Fett bunkern um für das Zusammenbauen eines kleinen Menschen, die anstrengende Geburt und die zehrende Stillzeit gerüstet zu sein. Man futtert sich also 6-9 Monate an, was man beim Stillen in 6-12 Monaten wieder verbrauchen würde. Da ich dieses Polster schon angelegt hatte - und  es für Vierlinge gut reichen würde - wollte ich versuchen, mein Gewicht so lange wie möglich zu halten.
Die gute Nachricht ist: das ist mir auch gelungen! Psychisch ging es mir viel besser, die stressige Arbeit hatte ich gekündigt, sodass auch das Pendeln wegfiel - die Binge-Attacken gingen dadurch sehr stark zurück. Zudem war mir im ersten Trimens war mir gerade genug schlecht, um keine große Lust zum Essen zu haben. Im zweiten Trimens entwickelte ich Heißhunger auf Hühnchen und Salat. Erst im dritten Trimens nahm ich etwa 5-6kg zu, die größtenteils aus Wasser bestanden. Nach der Geburt eines (gesunden, wunderschönen) Babys wog ich noch etwa 123kg, hatte also während der Schwangerschaft faktisch sogar abgenommen, und hielt das Buch "Fettlogik überwinden" in der Hand.

Das war der unpassendste Zeitpunkt, denn ganz ehrlich, ich hatte gerade besseres zu tun, als zu lesen. Egal was. Zudem hieß es nun immer öfter, dass man in der Stillzeit nicht abnehmen soll (bzw. keine Abnehmdiät machen soll, denn man nimmt ja bei "normaler" Ernährung normalerweise durch den erhöhten Energiebedarf beim Stillen ab), um keine "alten" Fettzellen abzubauen, in denen allerlei Schadstoffe gelagert würden, die dann sofort in die Muttermilch wandern würden... Da stand ich nun: einerseitswürde ich gerne mit dem Kind spielen können, wenn es erstmal mobil wird. Zur Zeit wäre das körperlich sehr schwierig für mich. Andererseits will ich natürlich dem Kind nicht schaden, in dem ich ihm meine wohldeponierten alten Gifte in die Milch mische.
Ich verschob das Thema Abnehmen und konzentrierte mich auf die wirklich wichtigen Dinge: kuscheln und schlafen. Diät halten kann ich ja immer noch, und ich glaubte ja zu wissen, was in dem Buch stehen würde.

Meine Auseinandersetzung mit dem Buch erfolgt gründlich und ausführlich und kann hier nachgelesen werden. Was bisher geschah:
Vorspiel: Mein dickes Ich.
Teil 1: Um das Buch herumlesen.

Samstag, 20. August 2016

Fettlogik überwinden. Teil 1: Um das Buch herumlesen.

Ich habe von "Fettlogik überwinden" in den sozialen Netzwerken gehört. Erst tauchte es in einem Blog auf, dann in einem anderen. Ich las Rezensionen, traf eine Freundin, die damit bereits erfolgreich abzunehmen begonnen hatte, und fing an, der Autorin auf Twitter zu folgen.

Eine ganze Weile las ich also um das eigentliche Buch herum, indem ich mich durch die Rezensionen und das Blog klickte. Schnell wurde mir klar: etwas wirklich Neues sagt Frau Hermann nicht. 
Wer abnehmen wolle, müsse weniger Kalorien zuführen als man verbrauche. 
Sport helfe - da er den Kalorienverbrauch und somit auch das erzielte Defizit steigert - sei aber nicht unbedingt nötig. (Bei sehr stark Übergewichtigen sei er unter Umständen vielleicht sogar schädlich - Gelenke werden sehr stark belastet, und Knochen zu wenig von Muskeln gestützt.) 
Nicht einmal besonders ausgewogen müsse man essen, solange die Kalorienbilanz negativ ausfalle - von 2 Tafeln Schokolade am Tag (und sonst nichts) nimmt man auch ab. (Wohlgemerkt: damit nimmt man ab - gesund ist das nicht. Aber das ist ein anderes Thema.)
Nichts davon schien mir neu, und ich wunderte mich daher ein bisschen über den Enthusiasmus einiger Fans. Diese fühlten sich häufig "befreit" oder hatten das Gefühl, die "Kontrolle" wiedererlangt zu haben, da sie nicht länger das Gefühl hatten, irgendwelchen Genen, dem "verdorbenen" Stoffwechsel oder ihrer Schilddrüse ausgeliefert zu sein. Denn dieses sind nur einige der weitverbreiteten "Fettlogiken" (= Ernährungsmythen), mit denen Nadja Herrmann aufräumt. 
Mich selbst riss das erstmal noch nicht vom Hocker, denn mein Problem sah ich eher woanders. Als emotionale Esserin sehe ich die Ursachen für mein Übergewicht nicht so sehr bei irgendwelchen Setpoints, als an meiner Unfähigkeit, in bestimmten Situationen (Stress, Trauer, noch unidentifizierte andere Trigger) NICHT zu essen. Bei WW nannte man das "Erfolgsfaktor: Kontrolle behalten" - und mir fehlt er.
 Zwar trage ich immer noch den 10%-Anhänger der WeightWatchers an meinem Schlüsselbund, der beweist, das Abnehmen mal funktioniert hat... Aber eben nur für kurze Zeit...Das muss dieser Jojo-Effekt gewesen sein. Ganz klar: Diäten machen dick! Oder doch nicht? Habe ich hier meine eigene Fettlogik, die mich vor der unangenehmen Wahrheit "schützt"- nämlich, dass ich an meinem Essverhalten etwas ändern muss? Zwei Jahre WW habem mir nämlich gezeigt, dass "du darfst alles essen, du musst dich nur "richtig" entscheiden" auf lange Sicht eben doch eine Einschränkung und Verzicht bedeuten. Wenn man sehr "routiniert" immer das gleiche ist, kennt man irgendwann die Punkte und kommt gut klar - aber spontan, abwechslungsreich selbst kochen, mit den Dingen, die einem auf dem Markt gerade in den Einkaufskorb springen, empfand ich als wahnsinnig aufwendig und mittelfristig genussfeindlich. Ist das mein Problem? Wollte ich den Pelz gewaschen bekommen, ohne nass zu werden?
Dazu kam, nachdem ich fast 2 Jahre lang jeden Bissen aufgeschrieben hatte, den ich mir in den Mund steckte, hing  mir zudem die von WW geforderte Kontrolle (beim Essen) nicht nur zum Halse heraus, ich hatte auch keine Energie mehr dafür. Arbeit, Pendeln, Doktorarbeit, Beziehung, später Trauer, immer wieder Depression - all diese Dinge verbrauchten meine ganze Kontroll-Energie - für Essenskontrolle blieb einfach nichts mehr übrig. (Tatsächlich gibt es Studien dazu, dass Willenskraft begrenzt ist und tatsächlich "ausgehen" kann.)
Wenn ich also innerlich aufgegeben hatte, daran zu glauben, jemals wieder mein Übergewicht zu verlieren, dann weil ich an meiner psychischen Fähigkeit zweifelte, eine Diät zu implementieren und durchzuhalten. Eine Neigung zu Depressionen, extreme Stubenhocker-Tendenzen, vorwiegend sitzende Hobbies (Lesen, Stricken etc), eine selbst-diagnostizierte Binge-Eating-Störung - kurzum, Ich selbst, mein Charakter und meine Psyche stünden einer Abnahme im Wege. Und die Schilddrüse ist vielleicht nicht schuld, macht es aber auch nicht einfacher.

Inwischen fragte ich mich aber immer öfter, ob "Fettlogik überwinden" für meine psychische Selbstdemontage auch eine Antwort hätte? die Autorin ist immerhin Psychologin und Psychotherapeutin. Im Blog konnte ich zu Depressionen und Essstörungen nicht viel finden. Daher habe ich Anfang Mai h einfach mal das Buch bestellt - 10 Euro sind ja nicht viel Geld. Man kann ja mal reinlesen, ganz unverbindlich. Und während der Schwangerschaft/Stillzeit soll ich ja ohnehin nichts machen...

Meine Auseinandersetzung mit dem Buch erfolgt gründlich und ausführlich und kann hier nachgelesen werden. Was bisher geschah:
Vorspiel: Mein dickes Ich.

Freitag, 19. August 2016

Fett(logik) überwinden. Vorspiel: Mein dickes Ich.

Das erste mal tauchte "Fettlogik überwinden" (Buch und gleichnamiger Blog von Nadja Hermann) in meiner Filterblase bereits im Februar auf - dann aber gleich drei mal in der gleichen Woche. Wenn ich erst heute, 6 Monate später, darüber schreibe, dann weil ich doch einiges an Anlauf nehmen musste, um mich mit meiner eigenen Fettlogik auseinanderzusetzen.
Denn ich war immer schon dick. Bei Nadja Hermann heißt es "dicke Identität". Als Kind habe ich mit 8 und 11 Jahren jeweils vier Wochen in der Kinderkur verbracht, um dort abzunehmen. Allerdings lag es schon damals eher nicht an Süßigkeiten oder zuckerhaltigen Getränken - gab es bei uns zu Hause gar nicht - sondern wohl eher an der Menge. Bei drei Geschwistern herrschte eben immer "Futterneid". Tatsächlich hat sich das alles gut verwachsen, und als ich Abi machte, war ich normalgewichtig - fühlte mich aber dick. Nicht zuletzt, weil meine Mutter mir das ständig suggeriert hat, dabei hatte ich zu diesem Zeitpunkt bloß "Kurven" - also breitere Hüften als Schultern - und war unsportlich, also vielleicht etwas "schwabbelig".
Meine eigentliche Diätkarriere- also selbstgewählt, aus einem Gefühl des Unwohlseins heraus - begann erst mit Mitte Zwanzig. Seitdem habe ich mir viel Wissen, Halbwissen und Unwissen zum Thema Ernährung angelesen. Meine Selbsteinschätzung ist und war: Eigentlich ernähre ich mich gut. Ich koche viel selbst, abwechslungsreich, fettarm und gesund. Obst und Gemüse, wenig Fleisch, regelmäßig Fisch. Natürlich falle ich auf die versteckten Zucker und Fette von industrialisiertem Essen herein, aber durch das viele selbst-frisch-Kochen hält sich das in Grenzen. Ich koche keine Saucen, trinke am Liebsten Wasser und Tee, habe jahrelang mein Müesli selbst gemischt. Aber. Ich esse gerne, besonders wenn es schmeckt -das heißt, meine Portionen sind wahrscheinlich häufig größer als nötig. Und ich bin ein emotionaler Esser - wenn es mir schlecht geht, esse ich. Wenn ich gestresst bin, esse ich. Ich belohne mich mit Essen und tröste mich damit. Und ich bin immer noch unsportlich.
Vor etwa 10 Jahren habe ich anderthalb oder zwei Jahre WeightWatchers gemacht. Ich habe damals etwa 15-20 kg abgenommen, mein niedrigstes Gewicht war wohl um die 75 kg. Dann kam ich nicht mehr weiter.
Als ich im Februar zum ersten Mal von "Fettlogik überwinden" hörte, stand ich bei grob 130 kg. Ich kann für jedes Pfund sagen, wann ich es mir angefressen habe. Immer gab es "gute Gründe" dafür, und obwohl ich oft über lange Phasen mein (Über-)Gewicht halten konnte, habe ich stetig zugelegt.
Das vielleicht-gar-nicht-so-merkwürdige daran ist, wie wenig ich das bemerkt habe. Möglicherweise, weil ich keinen Spiegel habe, in dem ich mich von Kopf bis Fuß sehen kann. Möglicherweise, weil es nicht sehr viele Fotos von mir gibt. Nicht mehr leugnen ließ es sich, als ich anfing, nicht mehr in bestimmten Stühlen sitzen zu können, weil die Armlehnen mich einengten - im Kino, in der Bahn, in Restaurants. Die Badewanne wurde eng  und enger. Irgendwann kam ich die Treppen nur noch hoch, wenn ich mich zugleich am Geländer hochzog - die Kraft in den Beinen reichte sonst nicht aus. Ich konnte mein Übergewicht auch vor mir selbst nicht mehr verheimlichen. Ich konnte aber - aus Gründen - damals auch nicht dagegen angehen. Also versuchte ich es mit "Bodypositivity" - wenn ich schon dick bin und weiß, dass ich aus Frust esse, muss ich den Frust nicht noch durch Selbsthass nähren. Zu dem Zeitpunkt war das auch die richtige Entscheidung - aber abgenommen habe ich davon auch nicht.
Und im Februar, als ich das Buch/den Blog entdeckte, ging das auch nicht, denn ich war im 6. Monat schwanger.

Sonntag, 6. Dezember 2015

Amtshilfe.

Am Donnerstag war ich mit meinen Schützlingen auf dem Sozialamt. Anfang des Monats werden den Flüchtlingen ihre Sozialhilfeschecks ausgezahlt, und dementsprechend war es unaussprechlich voll auf dem Amt. Die Damen (ich habe nur einen Mann gesehen), die dort arbeiteten, behielten dennoch die Ruhe und eine erstaunlich freundliche Art. Wir haben etwa eine Stunde gebraucht, bis wir (ich) kapiert haben, dass man sich in einem Raum hätte anmelden sollen, ein Vorgang, der noch eine weitere halbe Stunde verbraucht hat.
Das hätte schneller gehen können, aber ich hatte mich auf die Information des Übersetzers verlassen, der bisher immer mitgegangen war  - er hatte mir einen genauen Termin und ein genaues Büro genannt, vor dessen Tür wir dementsprechend herumlungerten. Da aus allen anderen Bürotüren in regelmäßigen Abständen Menschen hervortraten und Personen aufriefen, habe ich erstmal geduldig gewartet. In dem Sinne bin ich vielleicht nicht die ideale Amtsbegleitung, denn ich warte auf Ämtern immer sehr geduldig und häufig zu lange, gerne auch vor der falschen Tür. Irgendwann wurde es mir aber doch zu bunt, und dann konnte ich immerhin auf Nachfragen erstens den Fehler verstehen und zweitens begreifen, was wir stattdessen tun sollten.
Irgendwann wurden wir dann doch aufgerufen und konnten zur großen und ehrlichen Freude der Mitarbeiterin die inzwischen organisierten Bankverbindungen für die Mädchen aufnehmen lassen. Zukünftig müssen sie diese Warterei also nicht mehr mitmachen - mit Anfahrt hat die ganze Aktion fast vier Stunden gekostet, an einem Schultag... (Die Mädchen nehmen nämlich neben meinem kleinen nachmittäglichen Privatunterricht auch an einem "richtigen" Deutsch-Grundkurs für Flüchtlinge teil.)

Und dann habe ich doch noch die Ellbogen ausgefahren, und mir rasch einen Notfall-Termin für einen jungen Mann aus Eritrea erkämpft, den wir nun auch unter unsere Fittiche genommen haben. Er ist ebenfalls schon seit August hier, hat aber bisher noch nicht einmal Taschengeld erhalten. Er war alleine angekommen und hat einen Großteil der Zeit schlafend auf dem Zimmer verbracht, ohne Kontakt zu anderen Eriträern und offenbar mit einer mittelschweren Depression kämpfend. Seitdem wir ihn "entdeckt" haben, ist er in ein anderes Wohnheim umgezogen, wo er näher an einer Gruppe aus Eritrea ist, die sich um ihn kümmern kann, hat eine "Aufenthaltsgestattung" (eine Art Ausweis)bekommen, hat sein rückständiges Taschengeld abgeholt, sodass er ein paar warme Kleidungsstücke besorgen konnte, und nun versuchen wir, ihn ins "System" einzuspeisen, damit er endlich, wie die anderen auch, seinen Asylantrag ausfüllen kann.
Morgen früh gehe ich mit ihm aufs Sozialamt und hoffe bloß, dass er alle notwendigen Papiere dabei hat. So kompliziert ich diese ganzen Amtstermine und Formulare schon finde, so rätselhaft ist es mir, wie die Flüchtlinge, die unbegleitet durch die Korridore irren sich zurechtfinden.

Übrigens kenne ich viele Menschen, die eigentlich gerne helfen würden, aber sich den Deutschunterricht nicht zutrauen oder auch keine Fremden in ihr Zuhause einladen wollen - Begleitung bei diesen Amtsgängen ist eine sehr hilfreiche Sache, die wirklich jeder leisten kann.
Nicht nur sind die Begleiteten froh, dass jemand sie bei der Hand nimmt, auch die Mitarbeiter freuen sich über deutsche Ansprechpartner*innen. Nicht aus irgendeinem institutionalisierten Rassismus heraus - obwohl es den sicher auch vereinzelt gibt - sondern weil die Kommunikation einfach schneller klappt. So konnte ich beispielsweise die Information, warum das Kindergeld für das kleine Baby fehlt und wie es nachgezahlt wird, viel schneller aufnehmen, und auch gleich noch einen formlosen Antrag für Winterschuhe schreiben (die Mädchen laufen immer noch ohne Socken in Ballerinas herum. Zwar finden sie es jetzt bei relativ milden 10°C schon kalt, aber was sollen sie erst sagen, wenn der "richtige" Winter einbricht? So warm wird es nicht bis März bleiben...). Ein formloser Antrag reicht tatsächlich völlig aus, aber bis die Mädchen den geschrieben hätten (oder verstanden hätten, worum es geht, wäre viel Zeit ins Land gegangen). So mussten sie nur schnell unterschreiben, und ich konnte später in Ruhe alles erklären (bzw. den Übersetzer ans Telefon holen und ihn übersetzten lassen), ohne dass dadurch der Verkehr in der Amtsstube aufgehalten worden wäre.
Also, für alle noch Unentschlossenen - wenn Ihr einen festen Vormittag/Tag pro Woche einbringen könnt - füllt mit Flüchtlingen Formulare aus, begleitet sie aufs Amt, unterstützt sie mit den Formalien.
Freut Euch darüber, wie völlig überlastete Angestellte ruhig und freundlich bleiben und dankt Ihnen mit freundlichen Worten.
Und freut Euch mit den Betreuten, dass sie wieder einen Schritt weitergekommen sind.

Samstag, 14. November 2015

Deutsch für Flüchtlinge.

Seit vier Wochen ungefähr fahre ich dreimal in der Woche ins Übergangswohnheim und unterrichte dort Deutsch. Meine Schülerinnen sind drei junge Frauen um die 20, die vor einigen Wochen aus Eritrea gekommen sind. Sie begrüßen mich strahlend und nötigen mich, mich zu setzen. Dann gibt es erst einmal Tee. In das Teewasser im Wasserkocher werfen sie immer einige Nelken, sodass das Wasser eine leicht rostige Farbe hat und aromatisch duftet. Damit gießen sie dann schwarzen Tee auf, in den sie erstaunliche Mengen Zucker rühren - die einzige Süßigkeit, die ich bisher bei ihnen gesehen habe.
Oft gibt es dann auch noch etwas zu essen - meist eine Art Pfannkuchen mit einer extrem scharfen Sauce,  oder Salat, oder auch ein sehr leckeres, süßliches Hefebrot. In jedem Fall wollen Sie mir etwas anbieten, und ich kann ihnen die Gastfreundschaft nicht abschlagen - auch wenn ich oft gar keinen Hunger habe, weil mein Besuch außerhalb meiner eigenen Essenszeiten liegt, verstehe ich, dass sie mir etwas zurückgeben wollen.
Unterhalten können wir uns beim Essen noch nicht, aber das ist egal. Sie schwatzen miteinander, ich höre zu und freue mich, dass sie so fröhlich wirken. Nach ungefähr 20 oder 30 Minuten fangen wir an. Die Frauen holen ihre Collegeblöcke und Stiftemappen und wir beginnen mit einer kleinen Wiederholung. Wir haben mit ganz einfachen Phrasen begonnen. Ich heiße... ich komme aus... ich wohne in... Wenn wir ein Verb lernen, schreibe ich die Präsens-Konjugation in tabellarischer Form auf und markiere die Endungen farbig. Inzwischen achte ich sehr genau darauf, dass die Mädchen mitschreiben und auch korrekt abschreiben - meine Handschrift ist zwar gut, aber eben keine Druckschrift, und die lateinischen Buchstaben sind eindeutig nicht die erste Schrift, sondern fremd. Also korrigiere ich, damit sie nichts falsches lernen. Wir haben Begriffe zur Zeit (Stunden, Tage, Wochen, Wochentage, Monatsnamen) durchgenommen und die Zahlen. Zahlen sind schwierig, weil wir so blöd von hinten nach vorne zählen - einundzwanzig statt zwanzigeins. Aber Übung macht den Meister. Ich habe Supermarkt-Werbezettel mitgebracht und die Namen der wichtigsten Lebensmittel durchgenommen - gleich mit den Preisen (Zahlen üben!), damit sie auch dafür ein Gefühl entwickeln können.  Zuletzt haben wir uns verstärkt um Fragen und Antworten gekümmert - inklusive Satzbau mit Verb auf der Zwei (W-Fragen) und auf der Eins (Satzfragen).
Die Mädchen sind unterschiedlich schnell in der Auffassung, aber auch in der Konzentrationsfähigkeit. Eine kann bei weitem nicht so gut lesen wie die anderen und tut sich auch mit dem (lateinischen) Schreiben schwerer. Aber zu dritt gelingt es ganz gut, dass sie sich auch gegenseitig helfen können. Jede Woche geht es ein bisschen besser.  Und natürlich sind die Anfangserfolge die schönsten - wenn auf einmal Verständnis dämmert und sie anfangen zu strahlen, weil sie ein Wort oder ein Prinzip verstanden haben.
Ab Montag gehen zwei der drei fünf Stunden täglich in einen zwölf-wöchigen Intensivkurs. Die junge Mutter geht nicht mit, wahrscheinlich weiß sie nicht, wohin mit dem Baby. Ich werde so weitermachen wie bisher - nur dann eben nachmittags. Inzwischen habe ich auch ein bisschen taugliches Lehrmaterial aus Büchern, Heften, Internet zusammengetragen. So lernt die junge Mutter zwar weniger als ihre Freundinnen, wird aber nicht ganz abgehängt. Und die anderen beiden können das, was sie im Intensivkurs lernen, mit mir nacharbeiten und mit ihrer Freundin teilen - ich bin gespannt.

Samstag, 24. Oktober 2015

Zu Besuch im Containerdorf.

Heute war ich zu Gast im Containerdorf.
Die Freundin, der ich erzählt habe, dass ich mal DaF unterrichtet habe, hat mich beim Wort genommen. Heute hat sie mich drei jungen Frauen aus Eritrea vorgestellt, die sich vor 8 Monaten zu Fuß auf den Weg gemacht haben. Eine von den dreien war die ganze Flucht über schwanger und hat gleich nach ihrer Ankunft hier ein kleines Mädchen geboren. Mit dem Vater ist sie nicht verheiratet. Wer er ist? Wo er ist? Ob er auch ein Flüchtling ist? Ob das Kind in gegenseitiger Liebe gezeugt wurde? - keine Ahnung, und ich werde auch nicht fragen. Es geht mich nichts an. Aber ich kann mir kaum vorstellen wie es gewesen sein muss, zwei junge Frauen, Anfang 20 erst, gemeinsam auf der Flucht (die dritte kam erst hier in Deutschland dazu), dazu zu die Schwangerschaft... alleine in einem fremden Land, in dem man die Sprache nicht spricht, ein Kind zu bekommen...
Immerhin dank dieses Kindes, musste sie nur zwei Nächte in der Zeltstadt wohnen, bevor sie ein Zimmer im Containerdorf bekam - ein Doppelzimmer, ganz allein für sie und ihr kleines Töchterchen. Die Freundin, die sie die ganze Zeit begleitet und unterstützt hat, durfte auch ins Containerdorf, aber sie muss ihr Zimmer wahrscheinlich demnächst mit einer Fremden teilen. Unterbringungsmöglichkeiten sind rar geworden in den letzten Monaten.
Heute wurde zur Feier irgendeines Heiligen ein Festmahl aufgetischt. Die jungen Frauen haben gekocht - es gibt Pfannkuchen, die als Löffel dienen für die Linsen, das Kohlgemüse und das Fleisch in Paprikasauce. Höllisch scharf, aber köstlich! Wir sitzen beisammen und fremdeln ein bisschen, die Verständigung ist noch schwierig. Ein etwas älterer Mann, schon vor 27 Jahren aus Eritrea hierher gekommen, kann übersetzen und erzählt von den vergleichsweise komfortablen Umständen seiner Einreise nach Deutschland, damals. Er konnte sich den Schlepper aussuchen, kam mit dem Flugzeug, zahlte erst nach der Landung in Frankfurt. Heute zahlt man das fünffache im Voraus und geht zu Fuß teilweise durch Kriegsgebiete - Sudan, Libyen, Syrien, Libanon...
Die Stimmung ist gut. Alle sind etwas schüchtern, aber das Zimmer ist hell und sauber und hat eine Tür, die man schließen kann, um einmal für sich zu sein. Jetzt aber ist es voller Menschen, die einfach froh sind hier zu sein - und nicht mehr dort. Sie wollen Deutsch lernen, in die Schule gehen, arbeiten. Sie müssen warten. Schon die Registrierung ist zeitaufwendig. Bis ein Asylantrag gestellt werden kann, vergehen Monate. Bis über ihn entschieden wir vergeht noch mehr Zeit. Zeit, in der sie wenig tun können - denn woher den Sprachkurs nehmen, den man bräuchte, um in irgendeiner Form am Leben teilhaben zu können?
"Meine" Mädchen haben Glück. Sie haben einen gut integrierten Landsmann getroffen, der ihnen mit den Papieren und Behördengängen hilft. Sie haben meine Freundin getroffen, die ihnen mit dem Baby hilft (sie ist Hebamme) und sie zum Essen einlädt und auf den Rummel. Und die mich angesprochen hat, ob ich den drei Mädels nicht Deutsch beibringen könnte. Ich kann. Montag fangen wir an.

Donnerstag, 22. Oktober 2015

#bloggerfürflüchtlinge

Schon vor zwei Monaten, am 23. August las ich zum ersten Mal von der Aktion "Blogger für Flüchtlinge". Gleich mehrere Blogger in meiner Filterblase beteiligten sich bzw. waren gleich unter den Mitgründern der Aktion. 
Andere wiederum berichten regelmäßig auch ohne den Hashtag #bloggerfürflüchtlinge über Flüchtlinge und Vertriebene in Hamburg, in Deutschland, in der Presse.
Die Nachrichten sind voll davon und jeder hat eine Meinung.
Glücklicherweise ist die Meinung in meiner direkten Umgebung schlimmstenfalls zurückhaltend-indifferent. Vielleicht liegt es daran, dass unsere familieneigenen Flucht-und Migrationserfahrungen weniger als eine Generation entfernt sind:
Meine Großeltern, mein Vater, mein Onkel, meine Tante wurden mit der gesamten Dorfgemeinschaft von den Russen vertrieben - das ist jetzt etwa 70 Jahre her, mit dieser Geschichte bin ich aufgewachsen. Und obwohl es nur um ca. 400 km ging in ein Land, dessen Sprache man sprach und dessen Kultur man teilte, so waren mein Vater und seine Geschwister zeitlebens entwurzelt - denn sie sind nicht freiwillig gegangen.
Mein Bruder, wie ich aufgewachsen mit Erasmus-Programm und Europäischer Union, ist nach dem Studienabschluss mit dem Umweg über Portugal nach Spanien ausgewandert, wo man als Architekt leichter Arbeit fand als in der Studienstadt Aachen - ich glaube nicht, dass er zurück kommt. (Es ist sehr schön, da in Spanien.) Auswandern, damit es ihm woanders besser geht - ein klassischer "Wirtschaftsflüchtling"! Von den drei Söhnen meiner Tante lebt einer in den USA und einer in Australien, weil sie dort Arbeit und die Liebe gefunden haben - ebenfalls "Wirtschaftsflüchtlinge"?
Und wenn schon! Sie wollen arbeiten, sie dürfen arbeiten, und so profitieren alle Seiten davon.
Das ist auch wissenschaftlich belegt. (Und wenn ich den Link wiederfinde, reiche ich ihn nach.)

Bisher hat mir gegenüber jedenfalls noch niemand geäußert, dass "wir" "das" nicht "schaffen" - entschuldigt die ganzen Gänsefüßchen, aber wer ist "wir"? was heißt "das" genau? Definiere mal "schaffen" - was soll denn das Ziel sein? Und über welchen Zeitraum?
Ich habe zwar den Verdacht, dass auch ich Verwandte, Freunde oder Bekannte habe, die sich direkt oder indirekt unwohl fühlen bei dem Gedanken an die wachsenden Flüchtlingszahlen. Bestimmt machen sich viele Gedanken darüber, wie "man" mit der Situation umgehen kann, soll oder muss. Fakt ist aber, dass nur sehr sehr wenige sich bisher persönlich damit beschäftigen wollen oder müssen - es ist immer noch sehr einfach, die konkreten Personen, die täglich in Deutschland ankommen, zu ignorieren, an ihnen vorbeizuleben, ihnen im Stadtbild aus dem Weg zu gehen.

Ich will das nicht mehr. Ich habe sogar meinen facebook-Account wieder aktiviert, weil das offenbar die einzige/beste Möglichkeit ist herauszufinden, was in meiner Stadt benötigt wird, was ich tun kann. Und ich habe einer Freundin erzählt, dass ich früher mal Deutsch als Fremdsprache unterrichtet habe. Ich habe noch Lehrmaterialien aus der Zeit, ich habe Zeit, und ich habe die Erfahrung.
Was ich nicht habe? Irgendeine Ausrede, nicht zu helfen.



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