Donnerstag, 19. Februar 2015

Schreckgespenst Studienabbruch.

Im Durchschnitt, so liest man, brechen 25 % der Studierenden ihr Studium ab - abhängig vom Fach variiert die Quote auf bis zu 30%. Daran hat auch die Bologna-Reform nichts geändert.
Immerhin - seit der Bologna-Reform machen sich immer mehr Hochschulen Gedanken darüber, warum das so ist, und wie man Studienabbrüche verhindern kann. Das ist schon einmal eine gute Entwicklung.  Selbst renommierte technische Hochschulen können sich nicht mehr darauf ausruhen, dass sich eben nur "die Besten" durchsetzen - wenn es einen Fachkräftemangel gibt, kann man eben nicht die paar Interessierten auch noch aktiv vertreiben. (Ich spreche nicht vom Senken der Anforderungen, sondern von Hilfestellung bei Schwierigkeiten.)

Vor ein paar Tagen äußerte sich Dominikus Herzberg, Informatikprofessor an der THM Giessen, in einem Artikel in der ZEIT und forderte frei kombinierbare Studiengänge, in denen Studierende ihre Stärken kombinieren und "Problemfächern" ausweichen könnten, denn "zu viele Studierende brechen ihr Studium wegen Problemfächern ab". Dies sei auch ein Problem für die Industrie, die eher an den Stärken als an den Schwächen der Absolventen interessiert sei.
"Das eine Unternehmen hätte kein Problem mit einem Informatik-Studenten, der mit dem Pflichtfach "Theoretische Informatik" nicht klarkommt. Ein Bachelor-Zeugnis mit einem Ersatz-Fach, sagen wir "Smartphone-Programmierung", wäre kein Problem. Hauptsache ein Bachelor-Zeugnis. Ein anderes Unternehmen, das sich etwa auf Steuersysteme für Autos spezialisiert hat, will die Theoretische Informatik im Zeugnis nicht missen. Die Mitarbeiter sollen die feinsinnigen theoretischen Grundlagen beherrschen, die eine Software für das Bremssystem zuverlässig und robust machen. Was sich in der Welt da draußen an Diversität nicht ausschließt, wird an der Hochschule zu einem Problem und macht Bildungsläufe kaputt." (Link aus dem Artikel)
Nun gibt es aber Gründe, warum erfahrene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über Jahrzehnte hinweg Studiengänge konzipiert haben, Studienordnungen geschrieben, Pflichtfächer definiert und Mindeststandards eingeführt. Denn nicht nur in den berufsbildnahen Fächern ist es nützlich, erst Grundlagen zu lernen und erst dann Vertiefungsfächer zu wählen, wenn man einen Überblick über die zu erlernende Disziplin gewonnen hat. Vielleicht kannte man Teilbereiche des Faches bisher gar nicht, oder hatte eine falsche Vorstellung davon, wie es sich entwickelt? Studienprogramme bieten eine Hilfestellung in der Orientierung innerhalb eines Faches, und in einem Großteil der Fälle ist diese Hilfestellung auch notwendig. Ob das Studienprogramm in seiner Aufteilung sinnvoll war, kann man eigentlich erst nach der Prüfung beurteilen.

Komplett selbst zusammenstellbare Studiengänge sind hingegen weltweit sehr selten. In Deutschland kenne ich - abgesehen von einigen Schnupperstudienmodellen wie dem Tübinger Leibniz Kolleg, für das es aber keinen BA-Abschluss gibt - nur das Studium Individuale an der Leuphana Universität. Und selbst hier werden die Studierenden mit einigen Pflichtmodulen Forschungsmethoden oder Projektarbeit zumindest beim reflektierten Erwerb akademischen Arbeitens unterstützt. Das Auswahlverfahren ist sehr streng und begünstigt Menschen, die ein genaues Lernziel haben gegenüber "Schmetterlingen", die sich für alles ein bißchen und für nichts richtig interessieren. Es erfordert eine hohe Eigenmotivation, Selbstorganisation und Zielstrebigkeit. Meines Erachtens ist es eher geeignet für Menschen, die schon etwas Berufserfahrung gesammelt haben, und dabei ihre Wissenslücken schon definieren konnten.

In einem kurzen Twitter-, dann E-Mail-Austausch mit Prof. Herzberg habe ich diese Meinung auch geäußert. Zusammengefasst gibt es sehr unterschiedliche Gründe, für einen Studienabbruch, die ich in diesem Blog noch einmal besser strukturiert wiederzugeben versuche...

Mögliche Gründe für Studienabbruch
 können z. B. sein:
a) man studiert das falsche Fach/ Studiengang (und sattelt um)

b) man ist an der falschen Hochschule (und zieht um)

c) man ist an der falschen Hochschulform (und wechselt zu FH oder BA oder Uni...)

d) man ist an einem Studium eigentlich nicht interessiert/nicht dafür gemacht/hatte falsche Vorstellungen (und macht z.B. besser eine Ausbildung)
Diese Fälle kann man möglicherweise durch bessere Informationen und Beratungsangebote vor Aufnahme des Studiums vermindern oder zumindest begleiten/abfedern. Den Studierenden kann man nur raten, die Informationsangebote auch rechzeitig zu nutzen. Aber manchmal muss man eben schon im Wasser sein, um entscheiden zu können, ob es zu nass ist oder zu kalt oder zu tief oder ob man gegen Chlor allergisch ist. 
Meines Erachtens sollten Studierende, Hochschulen und Dozierende aber froh sein, wenn die Studierenden ihre Fehlentscheidung innerhalb der ersten zwei Semester merken und nicht viel Zeit verlieren. Im Gegenteil: es ist als Erfolg zu werten, wenn es zu informierten (!) Neuorientierungen kommt. Denn in fast allen Fällen bedeutet Abbruch nicht gleich "Versagen: obdachlos unter der Brücke" - sondern höchstens: eine andere Biographie als erwartet.
e) man wird durch biographische Einflüsse vom Studium abgebracht (aber gründet vielleicht ein erfolgreiches Startup, oder eine Familie, oder...)
Wenn man selbst oder Familienangehörige krank werden oder sterben, wenn man überraschend eine gut bezahlte Stelle im Ausbildungsberuf oder Nebenjob erhält, wenn einem die Stadt nicht gefällt oder man Liebeskummer hat, oder man selbst oder die Freundin schwanger wird, kurzum: wenn eines von unzähligen Ereignissen eintritt, die unser Leben beeinflussen - dann kann es zum Studienabbruch kommen. Da kann aber auch die beste Studienberatung nichts ändern. Studierende bringen ihr eigenes Leben mit, und die Hochschule ist davon nur ein Teil, und nicht immer der wichtigste. 
(Ausnahme: Geldsorgen sollten niemals ein Grund für den Studienabbruch sein - Bafög und Stipendien sollten das eigentlich verhindern. Dennoch kommt es vor - leider - denn es ist ein politisch leicht lösbares Problem.)
Aber von Studienabbrechern konkrete Gründe für den Abbruch zu erfahren ist schwierig - die meisten Absolventenbefragungen sind freiwillig, und wer im Zorn oder Frust geht, der wird sie wohl meiden.  Leider sind die Statistiken zum Studienabbruch über alle Studiengänge hinweg sehr ungenau. In der Regel werden nur einzelne Bewegungen erfasst, keinesfalls aber konkrete Studienbiografien. Das heißt, es gibt eine Schwundquote (von x Studienanfängern sind noch x-n im 2. Semester, x-n-n im 6 Semester etc), die aber keinerlei Aussage darüber trifft, wie erfolgreich ein einzelner Studierender ist. Ein oder zwei Semester länger zu studieren erfüllt viele Bacherloranwärter bspw. mit Panikattacken - dabei wird sich ein sorgfältiges Studium auf lange Sicht möglicherweise sogar auszahlen. Auch ist es schwierig, Fachwechsel konkret nachzuverfolgen - ein Fachwechsler ist aber nicht unbedingt ein Studienabbrecher. In den alten Diplom-/Magisterstudiengängen war es noch schwieriger, weil Studierende ermutigt wurden, nach der Zwischenprüfung die Uni zu wechseln -- und dadurch in der Statistik zum Abbrecher wurden.
Solange wir individuelle Studienbiographien nicht über Hochschul-, Stadt- und Länderwechsel hinweg verfolgen können, bleibt jede Aussage spekulativ.
Immerhin scheint es eine Tendenz zu geben. Fächer, die gerade am Anfang eine schlechte Abbrecherquote haben ( z. B. Informatik, Ingenieure)  haben auch gute Absolventenquoten - viele Abschlüsse in der Regelstudienzeit mit ordentlichen Noten.
Ich schließe daraus, dass v.a. die Leute schwinden, die falsche Erwartungen an das Studium hatten bezüglich Inhalten, Arbeitsaufwand, Interesse, und die anderen übrig bleiben.
 f) man fällt durch eine oder alle Prüfungen (und ergreift die Option a, b, c, d, e)
Ein solcher Fall hat den o.g. Artikel ausgelöst.
Das ist bedauerlich, besonders wenn es, wie im Artikel geschilderten Fall, die "employability" des Studierenden nicht im geringsten beeinflusst hätte. Natürlich sollten die Grundlagen des Faches beherrscht werden, aber wegen eines Vertiefungsfaches das gesamte Studium nicht anerkannt zu bekommen - tragisch. Selbst wenn ein Jurist das erste Staatsexamen nicht besteht, so hat er/sie doch 4-5 Jahre lang Jura studiert und versteht davon mehr, als jemand, der/die das nicht getan hat. Dennoch ist er/sie eben kein/e Jurist/in, und das ist auch in Ordnung.
Nicht in Ordnung ist es, dass Unternehmen sich bei Ihren Stellenbesetzungen so selten genau damit auseinandersetzen, was die gesuchte Person auf der ausgeschriebenen Stelle eigentlich können muss - wird ein Volljurist überhaupt benötigt? Hier ist die Wirtschaft in der Pflicht. Die Fixierung auf formale Kriterien bei gleichzeitigem Wunsch nach eierlegenden Wollmilchsäuen bietet Menschen mit "krummen" Biographien (oder unerwarteten Abschlüssen, Stichwort: Geisteswissenschaften in der Wirtschaft) wenig Chancen, sich zu beweisen. 
Vielleicht ist der Fachkräftemangel/Akademikermangel eben doch nicht so groß, wie immer behauptet wird?



Statistik für Motive zum Studienabbruch (2000/2008)
 http://de.statista.com/statistik/daten/studie/75078/umfrage/studium---motiv-fuer-den-abbruch/

Prof. Herzberg bloggt unter 
http://denkspuren.blogspot.de/








Mittwoch, 20. August 2014

Bremen Wissenschaftsplan 2020

Der Esel aus Wesel ist schon weiter als das Bremer Grautier.  

Bremen hat den Wissenschaftsplan 2020 veröffentlicht. Erwartungsgemäß war niemand so richtig begeistert. Das ist jetzt erstmal nicht ungewöhnlich - es ist für die Politik nicht leicht, es allen recht zu machen, und zur Bildungspolitik haben viele Menschen eine Meinung (wenn auch nicht immer eine fundierte, gut begründete). Dass aber Hochschullehrende gemeinsam mit Studierenden protestieren, ist dann doch eher ungewöhnlich.
Was also steht in diesem Plan? (Erinnert die Benennung eigentlich noch jemanden an sozialistische 5-Jahres-Pläne? Planwirtschaft hat schon für die Wirtschaft nicht so dolle funktioniert... ob das bei Bildungsaufgaben besser geht?)
Wenn man sich durch die teilweise erschreckend hohlen Phrasen von  einmal durchgearbeitet hat, werden einige Dinge mit erstaunlicher Deutlichkeit gesagt:
1. Die Mittel werden eingefroren. Man ist stolz darauf, dass sie nicht sinken. Da zugleich Kosten steigen (Tarifsteigerungen etc.) führt das zu einem faktischen Stellenabbau bei gleichzeitig steigenden Studierendenzahlen.
Investitionen in die Zukunft sehen anders aus.
Nun ist Bremen bekanntlich klamm. Das liegt auch daran, dass viele der gutverdienenden Bremer ihre Steuern im Umland zahlen, wo sie ein Haus im Grünen haben. Mittel nicht kürzen zu müssen könnte also für die Senatorin bei den Haushaltsverhandlungen schon ein Erfolg gewesen sein. Was kann sie noch tun? Genau: sparen. Und hier offenbart sich der eigentliche Mangel des Wissenschaftsplans.
2. Profilbildung. Die Bremer Hochschulen haben in den letzten Jahren erfolgreich ihre Stärken ausgebaut, Exzellenzcluster gebildet, Kooperationen begonnen, Forschung vorangebracht - übrigens besonders stark in den stets als "Problemkind" behandelten MINT-Fächern. Nun sollen sie dieses Profil ausbauen - das ist ok, man sollte nach seinen Stärken spielen. Zugleich sollen aber alle anderen Fächer, vor allem die kleinen, wenig nachgefragten, komplett auf den Prüfstand gestellt werden. "Wenig nachgefragt" heißt dabei leider immer explizit "vom Arbeitsmarkt nachgefragt". Und genau das halte ich für problematisch. Universitäten und Hochschulen sind nicht dazu da, ausschließlich für den Arbeitsmarkt auszubilden. Zum einen, weil dieser sich und seine Bedarfe laufend verändert. Zum anderen, weil Hochschulabsolventen neue Impulse in die Betriebe bringen sollen. Dazu müssen sie aber neues und anderes Wissen in die Unternehmen tragen als dort ohnehin vorhanden ist. Auch das fällt unter Diversity (nicht nur ethnische oder geschlechtliche Vielfalt).
Auch sollen "doppelte" Angebote, also Studiengänge, die von mehreren Hochschulen angeboten werden. zusammengelegt werden. Dies finde ich erstaunlich, denn offenbar sind sie ja alle ausgelastet. Auch ergibt das nur Sinn vor der Annahme, dass die Ausbildung an Universitäten und Fachhochschulen nicht nur gleichwertig ist, sondern auch die gleichen Ziele verfolgt. Und diese Annahme ist nicht richtig - oder war es nicht. Seit der Bologna-Reform hat sich das geändert.
3. Fehler in der Bologna-Reform. Der große Fehler in der Bologna-Reform ist m. E. nicht, dass man die Abschlüsse geändert hat (obwohl man sich schon fragen kann, ob das nötig war), sondern dass man die Chancen des ausdifferenzierten deutschen tertiären Bildungssystems dabei nicht beachtet hat.  
Universitäten, die mit dem Ziel angetreten waren, Akademiker auszubilden, waren immer forschungsorientiert. Die berufliche Praxis, für die sie ausbildeten, war die akademische Praxis. Dass die Lehre auch für zukünftige Akademiker aus didaktischer Perspektive oft noch ausbaufähig war, will ich nicht bestreiten - aber das war die Aufgabe der Universitäten, und das haben sie gut gemacht.
Fachhochschulen, Berufsakademien, Pädagogische Hochschulen etc. hingegen waren immer praxisorientiert. Forschung spielte eine geringere Rolle, dafür war der Kontakt in die Wirtschaft gut, die Lehre war anwendungsbezogen. Genau das, was "die Wirtschaft" angeblich forderte, und was die Universitäten, nach eigenem Selbstverständnis und Bildungsauftrag, weder liefern konnten noch wollten. Zugleich standen die Absolventen in der Hierarchie (meßbar an Gehaltsstufen) aber deutlich niedriger als die "richtigen" Studierenden (die also doch irgendetwas besser können mussten)...
Zwei parallel existierende Bildungsinstitutionen, mit klaren (didaktischen) Profilen, unterschiedlichen Bildungsaufträgen und Zielgruppen. Logisch wäre es nun gewesen, beiden  Institutionsformen zu helfen, diese Profile zu schärfen: Die Universitäten hätten nur forschungsorientierte Studierende aufgenommen, also sich auf "unpraktische" liberal arts, alle Staatsexamen (z.B. Jura) sowie Master und Doktorandenausbildung konzentrieren können. Die Fachhochschulen hätten die deutlich berufsbezogenen Studiengänge übernommen, in denen sie ohnehin schon stark waren, und diese bis zum Bachelor geführt - die talentiertesten hätten zum Master an die Universitäten wechseln müssen.
Stattdessen bekamen die Universitäten den Auftrag, mehr Praxis in ihre Lehre zu bringen (womit sie überfordert waren und teilweise immer noch sind, und zwar ganz nachvollziehbar und verständlich), während die Fachhochschulen auf einmal mehr forschen sollten (forschendes Lernen ist auf einmal ganz groß) - etwas, wofür sie nie ausgerichtet waren. Um die Profile noch weiter zu verwischen, heißen die FHs jetzt alle "Hochschule" oder gar "University of applied sciences" (obwohl "science" nur die Naturwissenschaften bezeichnet), und neuerdings wird immer mehr auch über ein Promotionsrecht gestritten (als bräuchten wir mehr Promovierte...) - ein klarer Versuch, sie in der Hierarchie mit den Universitäten gleichzustellen. Dennoch macht sie das -notgedrungen- nur zu Universitäten zweiter Klasse - besser wäre es gewesen, sie in ihrem Profil zu stärken und ihnen dafür im gesellschaftlichen Diskurs mehr Anerkennung zu geben.
Nachdem nun also die ursprünglichen Profile "Forschung" vs "Praxis" erfolgreich vermischt wurden, sollen die Hochschulen neue Profile bilden, diesmal auf der Basis von Inhalten, also Fachdisziplinen. Und hier kommt das größte Problem.
4. Keine bildungspolitische Vision. Im Wissenschaftsplan 2020 wird ausdrücklich nur solchen Disziplinen eine Existenzberechtigung eingeräumt, für die "ein regionaler Bedarf ... seitens des Arbeitsmarktes besteht" (S. 25). Das ist gleich mehrfach problematisch: zum einen können wir den regionalen Bedarf nicht für mehrere Jahre in die Zukunft absehen (was passiert denn, wenn z.B. AIRBUS ebenfalls "Profilbildung" betreibt, und das Bremer Werk schließt, oder bspw. mit Stade zusammenlegt? Wird dann auch der Studiengang Luft-und Raumfahrttechnik geschlossen?). Zum anderen sollte die Politik, und vor allem die Bildungspolitik, nicht den Realitäten hinterherlaufen, sondern sie entwickeln und mitgestalten. Hochschulen können unternehmerisches Denken und Handlen fördern und unterstützen, aber die Geschäftsideen kommen von kreativen jungen Absolventinnen und Absolventen - und aus allen Fachrichtungen.
Auch in anderer Hinsicht vermisst man eine vorausschauende Weichenstellung - Stichwort: digital literacy. Während eine große Mehrheit der Deutschen Informatik als Pflichtfach an den deutschen Schulen fordert, unternimmt Bremen nichts, um zukünftige Generationen mit Grundkompetenzen für das Verständnis, geschweige denn die Gestaltung des digitalen Wandels auszustatten. Zuerst einmal müssten natürlich Lehrer/innen ausgebildet werden, dann Lehrpläne entwickelt, dann - in frühestens fünf Jahren - flächendeckender Informatikunterricht eingeführt werden. Das wäre auch ein Impuls für die Schulpolitik.
Natürlich muss nicht jeder später Informatik studieren und Programmierer/in werden - "literacy" steht für "Alphabetisierung", also lesen und schreiben lernen. Danach muss man kein Poet oder Literaturwissenschaftlerin werden. Es wäre fatal, wenn unsere Kinder als Digital Natives die digitale Welt, in die sie hineingeboren werden, nicht verstehen und beherrschen lernten. Für uns ist es (vielleicht) zu spät.
Aber der Wissenschaftsplan soll ja die Zukunft gestalten. Er verwaltet sie nur.

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Bildquelle: http://www.kdg-wesel.de/typo3temp/pics/Konny_der_Esel_1c878a7934.jpg

Samstag, 22. März 2014

Das Lied vom Fachkräftemangel - Symphony of Science

Da zerbrechen sich die Damen und Herren wer-auch-immer den Kopf, weil angeblich Fachkräfte fehlen, aber wen genau sie damit meinen, das sagen sie nicht.
Altenpfleger_innen werden sicherlich gesucht. Bei Akademiker_innen ist es schon nicht mehr ganz so einfach - man will Ingenieur_innen. Informatiker_innen. Naturwissenschaftler_innen. Kurzum, die MINT-Fächer, und da - angeblich - gerne auch Frauen.

(Im Moment zweifle ich das noch ein bißchen an, weil die MINT-Branche immer noch so ein selbstverstärkendes Ökoystem ist: Es ist ein männerdominiertes Feld, das ist für Frauen nicht attraktiv, sodass es männerdominiert bleibt... Und bisher herrscht auch keine rechte Willkommenskultur (für niemanden, Geschlecht egal), weil man sich so sozialdarwinistisch gibt. Oder sollte ich sagen: mathematik-darwinistisch? Jedenfalls: die paar armen Gestalten, die gerne ein MINT-Fach studieren möchten, werden in den ersten Semestern so stark ausgesiebt und so wenig unterstützt, dass ein bis zwei Drittel das Studienfach abbrechen oder wechseln. Und darauf sind sie dann auch noch stolz, weil ja nur "die Besten" übrigbleiben. Also, wenn wir wirklich einen MINT-Nachwuchsmangel hätten, dann könnte man sich ein solches Vorgehen eigentlich nicht leisten.
Nein, ich meine nicht, dass man die Ansprüche senken sollte. Aber man kann die Studiensituation verbessern. Wenn ich Kindern das Schwimmen beibringe, dann schmeiße ich sie auch nicht (mehr) ins tiefe Wasser und verleihe allen, die nach 30 Minuten nicht ertrunken sind, das "Seepferdchen". Vielmehr hole ich mir ausreichend qualifizierte Schwimmlehrer und starte mit Schwimmflügeln und einfachen Übungen im flachen Wasser. An den Anforderungen für die "Seepferdchen"-Prüfung ändert das nichts - aber die Wahrscheinlichkeit, dass die jungen Schwimmschüler_innen a) überleben b) weiter Spaß am Schwimmen haben c) den Freischwimmer machen möchten -- die steigt.Auf dem Weg zu olympischem Gold/dem Physik-Nobelpreis dünnt sich das Feld dann ganz von alleine aus. Aber mit echten Nobelpreisträger_innen kann "die Wirtschaft" wahrscheinlich ohnehin nicht viel anfangen - dort reichen meist kompetente "Schwimmer_innen" aus.)

Und wie begeistert man die Menschen für die Großen Naturwissenschaftlichen Fragen?
Mit Musik und Sprechgesang!


Wenn Du einen Apfelkuchen backen willst, musst du erst das Universum erfinden!
http://symphonyofscience.com

Donnerstag, 9. Januar 2014

Das Buch im Zeitalter des Internets.

Ein Buch  zu schreiben ist schon schwierig. Ein Buch zu veröffentlichen ist noch viel schwieriger.
So weit die Binsenweisheit.
Und sie gilt natürlich nur für den "richtigen" Buchmarkt.

"Buch" heißt dann: von einem Verlag betreut (Lektorat, Layout, Marketing), auf Papier gedruckt, zwischen Buchdeckel gebunden, und mit ISBN-Nummer versehen im Buchhandel erhältlich.
Der Autor/die Autorin kann sich im Falle einer solchen Kooperation mit einem Verlag auf das eigentliche Schreiben des Textes konzentrieren. Man reicht beim Verlag ein Exposé ein, erhält einen Vertrag und einen Vorschuss, schickt irgendwann einen Rohtext, der mehr oder weniger stark lektoriert wird, und der Verlag kümmert sich um den Rest: Marktanalyse (will das jemand lesen? kann man damit Geld verdienen? Gibt's das schon?), Marketing, und technische Details wie Layout, Papierwahl, Drucktype etc.
Diese Arbeitsteilung scheint sich über die Jahrhundert bewährt zu haben, und offenbar können sowohl Buchverlage davon leben, als auch die Autorinnen und Autoren. Letztere bekommen, so stellt man sich das vor, einen Vorschuss und mindestens bei mehrfachen Auflagen eine Gewinnbeteiligung in Form von Tantiemen, erstere können nicht nur ihre eigenen Gehälter zahlen, sondern auch die der am Buchentstehungsprozess beteiligten Personen: Lektoren, Layouter, Drucker, Buchhalter, Marketingfritzen etc.Der Buchmarkt boomt, entgegen aller Krisen des Gutenberguniversums, denn Menschen kaufen und lesen nach wie vor Bücher, nicht wenige davon erstaunlich schlecht und unnütz.

Der buchschreibende Nachwuchs weiß natürlich, dass die große Hürde ist, überhaupt von einem Verlag angenommen zu werden - zumal es da noch die Hackordnung unter den Verlagen gibt. Es gibt wichtige, ernsthafte, seriöse, große Verlage - und kleine, feine, schöngeistige Nischenverlage - und natürlich auch Schundverlage.
Und, in Zeiten  des Internets, natürlich book-on-demand, vanity-Verlage und Blogs, und vielerlei weitere Möglichkeiten, sein Geschreibsel zu "publizieren", wobei in diesen letzeren Fällen die Publikationshürde zwar erfreulich niedrig ist, aber auch niemand die Qualität der Texte begutachtet (mit allen Vor-und Nachteilen) und der Autor/die Autorin auf einmal allerlei Aufgaben (Layout, Lektorat) selber erfüllen oder zumindest selber bezahlen muss, für die andere Menschen eine dreijährige Fachausbildung absolviert haben. Das kann natürlich gut gehen. Muss aber nicht. Dennoch rät das "Handbuch für Autoren" von diesem Weg ab - wer ein gutes Buch schreiben kann, der kann dafür auch einen seriösen Verlag finden. Dem Autor/der Autorin alle Kosten aufzudrücken ohne ein wie auch immer geartetes Gehalt zu zahlen sei hingegen unseriös - von solchen "vanity publishern" solle man sich fernhalten.

Ein guter Rat, es sei denn, man ist Wissenschaftler/in, und per Promotionsordnung zur Publikation der Forschungsergebnisse (=Doktorarbeit) gezwungen. Je nach Disziplin ist es da mit einem Aufsatz in einer Fachzeitschrift nicht getan, auch Onlinepublikationen werden (noch) nicht gebührend innerhalb der Fachgemeinschaft wahrgenommen - oft zählt, gerade in den Geistes-  und Kulturwissenschaften, nur das Buch, in seiner oben beschriebenen Form.
Der Autor/die Autorin wird damit automatisch zum leicht erpressbaren Bittsteller. Zwar können die (renommierten) Verlage die Manuskripte ablehnen, selbstverständlich können sie das. Wenn sie aber zusagen, heißt das nicht, dass man nun seine Arbeit als Rohtext einreicht, ein Lektorat erfolgt, bei dem die akademische Sprache etwas gelindert oder der Fußnotenwald etwas gelichtet wird.
Man bekommt vielmehr einen Vertrag, in dem man alle Autorenrechte abtritt (inklusive Film-,Fernsehen und Audioversionen) und den Auftrag, einen "Druckkostenzuschuss" einzuwerben. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich der geforderte Betrag (was ist überhaupt ein Zuschuss - etwa ein Drittel? die Hälfte? Zwei Drittel?) nicht nur als volle Übernahme der Druckkosten, sondern auch als volle Übernahme sämtlicher Kosten, die der Verlag hat.

(Zum Teil wird dabei sogar noch willkürlich ein Aufschlag erhoben, der sich mit tatsächlich entstehenden Kosten nicht erklären lässt. Zum Beispiel, wenn man einfach mal willkürlich für jede Abbildung (schwarz-weiß!) 5,- Euro Aufschlag verlangt. Letzteres ließe sich für den Vertrag begründen mit dem nötigen Layout (das aber der Autor/die Autorin macht), oder (früher mal) dem Rastern (das aber seit Digitaldruck nicht mehr nötig ist), oder Bildrechten (die der Autor/die Autorin kaufen müsste und deren Nachdruck ohnehin in s/w und bei enstprechend geringer Größe als Bildzitat rechtlich unbedenklich wären). Oder aber mit dem teueren Druck, nur dass es eben keinen Cent mehr kostet, eine Seite mit S/W-Text oder S/W-Bild zu drucken. (Ich spreche nicht von Farbdruck, das ist ein ganz anderes Thema.) Kurzum: willkürlich. Macht in meinem Fall, denn ich schreibe dies natürlich nicht zufällig auf, fast 1800,- Euro.)

Das gesamte wirtschaftliche Risiko wird also auf den Autor/die Autorin abgewälzt. Als "Entlohnung" werden Belegexemplare und der zu erwartende Scheck der VG-Wort in Aussicht gestellt. Und natürlich gibt es endlich die ersehnte Urkunde, Ruhm und Ehre, und von der Steuer lässt sich das alles natürlich auch absetzen. Hurra.

Vanity Publishing in Reinform. 
Oder man macht es eben doch online.

Donnerstag, 26. Dezember 2013

The Game is Back On!




The Empty Hearse: Mittwoch, 1. Januar, 21:00 Uhr, BBC 1/Freitag, 3. Januar, 21.00 Uhr, BBC 3
The Sign of Three: Sonntag, 5. Januar, 20:30 Uhr, BBC 1/ Freitag, 10. Januar, 21.00 Uhr, BBC 3
 His last Vow: Sonntag, 12. Januar, 20:30, BBC1/ ...

http://www.bbc.co.uk/sherlock

ab 15. Januar: angeblich eine App - Sherlock: The Network

und natürlich: #believeinsherlock

PS: Dear Mr Gatiss and Mr Moffat - you belong amongst the elite of contemporary tv screen writers. Yet I wish you had not projected your legal "system" on other nations. There is, in fact, no trial by jury in Germany, nor has there to my knowledge ever been. Considering there are few people like Sherlock out there it might be a real advantage not to have to rely on the average untrained mind but on trained legal minds to achieve justice.

Montag, 9. Dezember 2013

LaB. Dante Aleghieri: Inferno. Canto xi. Die Wucherer.

Dante-Protagonist ist inzwischen schon recht tief in die Hölle vorgedrungen. Sechs von neun Höllenkreisen hat er schon durchwandert, naturgemäß ist er dankbar, zu Beginn des elften Gesangs -und vor Betreten des siebten Kreises - eine kleine Pause einlegen zu können, um sich an den Gestank zu gewöhnen. Die Wartezeit vertreibt Vergil ihm mit einer Erklärung, wie die nun folgenden drei Höllenkreise sich aufteilen.

In den ersten drei Kreisen saßen allerlei Menschen, die maßlos gewesen waren: maßlos in der Liebe, im Zorn, im Umgang mit Geld etc. Dann kamen gewalttätige Menschen, nun kommen Verräter. Alle diese Sünden können sich richten gegen den Nächsten, gegen sich selbst, und -am schlimmsten- gegen Gott. Weitere Binnenunterteilungen sind möglich und nötig. Die passende Systematik liefert immer Aristoteles - sei es mit der Ethik, sei es mit der Physik. Man lese hier, beispielsweise, um das recht komplizierte System besser  zu verstehen.

(Übrigens: die hier verlinkten Seiten nutzen die Übersetzung von Zoozmann (1922) als die "Beste".  Das kann man machen, aber jede Übersetzung ist auch Interpretation, und jede Übersetzung hat Vor-und Nachteile. Besser, man vergleicht mehrere Fassungen, so bekommt man gleich ein paar Interpretationshilfen frei Haus. Pro-Zoozmann spricht jedenfalls, das er das Terzinen-Versschema beibehält, das ist gar nicht so einfach. Dafür ist er nicht immer so nah am Originaltext, wie es manchmal zu wünschen wäre.)

Dante-Protagonist --eine echte Watson-Figur!-- fragt dankenswerterweise mehrfach nach, sodass auch wir ahnungslosen Leser das sorgfältig austarierte Gewichten der Sünden verstehen. Schließlich hat sich Dante-Dichter einiges dabei gedacht und nichts dem Zufall überlassen in der Art und Weise, wie er "seine" Sünder innerhalb der Höllen-Sünden-Strafen-Hierarchie platziert.

Überraschenderweise, für Dante-Protagonist und uns moderne Leser auch, finden sich im dritten Unterkreis des siebten Höllenkreises -Sünden wider Gott- die Wucherer. Oder, wie wir heute sagen würden: die Banker. Dante-Protagonist insistiert:
Jedoch erinnre dich: du hast bezichtigt
Den Wuchrer, dass er Gott Beleidigungen
Zufügt? – Der Zweifel sei mir noch beschwichtigt!“ –
Und Vergil erklärt (und ich wähle hier einmal die extrem originaltextferne, aber wunderbar interpretierend-erklärende Versübersetzung von Pochhammer (1901), übrigens sehr schöne Ausgabe mit Buchschmuck von Heinrich Vogeler):
[...]
"Du sollst", sprach Gott - wer dürfte das vergessen? -
"Dein Brot im Schweiße des Angesichtes essen" -

Der Wucher aber geht auf andern Wegen.
Natur und Arbeit, beide er verschmäht,
Somit auch beider Gotteskinder Segen,
Bis in den Kreis der Untat er gerät.
[...]
Der Wucherer/Bänker sündigt also bei Dante nicht gegen seine Mitmenschen, sondern gegen Gott selbst. 
Die Begründung dafür scheint heute altmodisch - Geld für sich arbeiten zu lassen statt selbst zu arbeiten, Zinsen zu nehmen - das ist heutzutage, im Zeitalter des globalen Bankenkapitalismus, nicht nur nicht mehr unsittlich, es ist sogar erstrebenswert, normal, wirtschaftlich richtig.

Überraschend fand ich beim Lesen vor allem die Erinnerung daran, wie alt die Diskussion über den Finanz-Zins-Markt schon ist (auch Jesus warf die Geldwechsler aus dem Tempel; Matthäus 21,12ff EU; Markus 11,15ff EU; Lukas 19,45ff EU; Johannes 2,13–16 EU), und wie weit das Unbehagen über das "mühelose" Geldverdienen der Geldwechsler/Wucherer/Bänkster historisch zurückreicht. Unabhängig davon, ob wir die aristotelisch-theologische Begründung von Dante-Dichter akzeptieren oder nicht, so erinnert seine tiefe Abscheu gegen die Wucherer (angezeigt durch ihre vergleichsweise heftige Bestrafung innerhalb seiner Hölle) frappierend an die Heftigkeit der Boni-Diskussionen im Nachklang der letzten Finanzkrise.
Warum interessiert es denn so viele Menschen so sehr, was eine bestimmte Branche meint, ihren Angestellten zahlen zu müssen?
(Es handelt sich bei den meisten Investmentbanker/Tradern ja nicht einmal um Managementpositionen mit Führungsaufgaben - im Organigramm stehen sie relativ weit unten...) 
Wir haben schließlich einen freie Berufswahl in Deutschland (und dem Großteil des betroffenen Auslands) - wer viel Geld verdienen will, kann sich, theoretisch, mit siebzehn darüber informieren und entsprechende Karriereschritte einleiten.
Aber ist es wirklich nur eine Neid-Debatte? Das wird ja immer behauptet: dass man in Deutschland nicht erfolgreich sein dürfe, zumindest dürfe man seinen Erfolg nicht nach außen zeigen (mein Haus, Auto, Yacht...), das rufe Neider auf den Plan.
Ich bin nicht so sicher. Mit Dante meine ich, dass wir unsere judo-christliche, westlich-kapitalistische Kultur nicht auf ein (Dante natürlich noch unbekanntes) Bild von calvinistischer Erwerbsethik reduzieren dürfen.
Nach dieser Auffasung ist ja bekanntlich Erfolg (=Reichtum) ein Zeichen von Gottes Wohlwollen - wer hart arbeitet, wird von Gott reich belohnt. Umkehrschluss: wer reich (belohnt) ist, hat Gottes Anerkennung. Ein Fehlschluss, sicher, man darf schließlich nicht von der Wirkung auf die Ursache schließen. Außerdem kennen wir alle sehr sehr viele Menschen, zählen uns womöglich selbst dazu, die hart arbeiten und trotzdem nicht reich sind. (Ob sie Gottes Wohlwollen haben und/oder sonstwie glücklich sind, kann hier nicht erörtert werden).
Auf jeden Fall zeigt die Passage, dass das Unbehagen gegenüber der Art und Weise, wie der Reichtum der Wucherer/Bänker entsteht, schon sehr alt ist, sozusagen in unserer kulturellen DNA steckt:
Der Wucherer, so fühlen wir, wird reich - ohne etwas zu Produzieren, ohne eine Dienstleistung zu erbringen, ohne einen Gegenpart in der realen, materiellen Welt zu schaffen. Der Tauschwert des Geldes wird vom Tauschwert der Ware oder Dienstleistung entkoppelt.
Oder, um es mit Aristoteles zu sagen:

"So ist der Wucher hassenswert, weil er aus dem Geld selbst den Erwerb zieht und nicht aus dem, wofür das Geld da ist. Denn das Geld ist um des Tausches willen erfunden worden, durch den Zins vermehrt es sich dagegen durch sich selbst. Diese Art des Gelderwerbs ist also am meisten gegen die Natur."
Moderne Volkswirte mögen diese Ansicht falsch finden. Vielleicht haben sie recht. Andererseits finden moderne Volkswirte meines Wissens auch galoppierende Inflation oder ebensolche Deflation falsch. Und es sind doch vor allem die exzessiven Gehälter der Investmentbanker, die mit so viel Unbehagen betrachtet werden (Boni von 300% und mehr) -nicht die Tatsache, dass sie überhaupt ein Gehalt bekommen. 300% mehr verdienen als das, was meine Arbeit laut Arbeitsvertrag eigentlich wert ist?
Liebe Volkswirte: rechnet doch nochmal nach. Aber belasst es nicht bei der Mathematik. Denkt daran, dass Ihr eigentlich Sozialwissenschaftler seid...

Lernen aus Büchern:
Maß halten. Und schauen, wem man schadet - es ist schlimmer, sich selbst zu schaden, als "nur" anderen. Es ist schlimmer, wissentlich wider bessere (gottgebene) Vernunft zu handeln, als aus Maßlosigkeit oder Bosheit. Am meisten leidet, wer gegen (gesellschaftliche, göttliche, moralische) Normen verstößt.

Donnerstag, 7. November 2013

LaB. Dante Aleghieri: Inferno. Canto v.

(völlig überarbeiteter Blogpost)
Es ist immer wieder schön festzustellen, warum ein Buch ein Bestseller ist. Häufig liegt es nämlich daran, dass es einfach Freude macht, es zu lesen.
Noch schöner ist es aber, wenn man entdeckt, warum ein Buch Teil des literarischen Kanons ist. Dabei muss man die Lesefreude manchmal auch erst ein bißchen suchen.
Ich zum Beispiel bin zur Zeit damit beschäftigt, Dante zu lesen. Genauer: die Göttliche Komödie. Genauer: das Inferno, also den ersten Teil der Trilogie, wenn man so will, und, wie viele Stimmen behaupten, auch den besten. Weil nämlich: Hölle! Monster, Teufel, Sünder!!!
Teil 2 (Purgatorio=Läuterungsberg) und Teil 3 (=Paradies) können dagegen nur vergleichsweise langweilig sein. Oder, schlimmer, theologisch. Oder so.

Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob ich es je erfahren werde. Also ob ich nach dem Inferno, ohne den selbst-auferlegten aber äußerlich kontrollierten Zwang regelmäßigen Lesenmüssens über das Inferno hinaus kommen werde.
Dante ist keine einfache Strandlektüre. 
(Für einfache Strandlektüre zu ähnlichen Themen wenden Sie sich bitte vertrauensvoll an Dan Brown).
Man muss sich schon ein bißchen darauf einlassen.
Zum Glück gibt es das Internet, und im Internet gibt es Lesehilfen. Und die helfen tatsächlich, sei es mit etwas Hintergrundwissen, sei es mit nützlichen Fragen, die man an den Text richten kann.
Sei es, dass Roberto Benigni sich ganz alleine auf eine Opernbühne stellt und einen Gesang aus der Commedia rezitiert. Vor ausverkauftem Haus. So dass wir Teutonen in den Genuss der italienischen Klänge und Vokale und Terzinen und Rhythmen kommen.
*seufz*
schon schön.

Der Schlüsselsatz für mich ist übrigens bei
8:18
Galeotto fu il libro e chi lo scrisse: quel giorno più non vi leggemmo avante.
Verführer war das Buch und der's geschrieben. An jenem Tage lasen wir nicht weiter..
 
Literatur ist eben gefährlich.
Aber von vorn:
Im fünften Gesang betritt Dante, unser Protagonist, mit seinem Führer Vergil endlich die "richtige" Hölle.

(Zuvor wanderte er verloren im Wald (canto i), traf Vergil, der ihm  im Auftrag der seligen Beatrice den Weg durch das Jenseits zeigen soll (canto ii), trat durch das Höllentor in den Bereich der "Lauwarmen", der Parteilosen, der -soll man sie Schweizer nennen? - (canto iii) und überquerte den Acheron Richtung Limbo, also der Vorhölle, wo die tugendhaften aber leider mangels Taufe von der Erlösung ausgeschlossenen antiken Helden weilen (canto iv).)

Nun also, endlich, echte Sünder. Dante (also der Dichter, der sich das Ganze ausgedacht hat) - Dante-Dichter also bestraft alle "seine" Sünder angemessen. Nach dem homöopathischen Prinzip, dass Gleiches mit Gleichem zu vergelten sei, muss die Strafe also der Sünde entsprechen. (Die Forschung nennt das "contrapasso". Aha.) Und die Sünde, die diese armen Seelen hier im fünften Gesang begangen haben, ist "Wollust" - zügellose Liebe, der sie sich hingegeben haben - obwohl sie bereits anderweitig verheiratet waren, beispielsweise. Zur Strafe treiben die armen Seelen nun hilflos im Wind, genauso unkontrolliert und haltlos, wie sie sich ihrer Liebe bzw. Wollust hingegeben haben.

Dante-Protagonist also ruft sich zwei solcher Seelen heran, es ist das (dank Dante) berühmte Paar Francesca da Rimini und Paolo Malatesta (ihr Schwager). Er lässt sich von Francesca erzählen, wie es zur Sünde kam. Glücklicherweise herrscht gerade ein bißchen Flaute, so dass das Paar verweilen kann -und siehe da. man war ineinander verliebt. Paolos Liebe: denn Francesca war schön, Paolos Liebe, denn sie erweckt Francescas Gegenliebe, ihrer beider Liebe, für die der Bruder/Ehemann sie beide erschlug - voilà.

Immerhin muss auch der Mörder in die Hölle, wenn auch weiter unten/hinten (Kreis 8, bei den Verwandtenmördern).

Sowohl Dante-Dichter als auch Dante-Protagonist haben großes Verständnis für die Liebe - ist nicht Dante selbst gerade dabei, seiner Beatrice zu folgen? Ein Mädchen, dass er nur zweimal gesehen, die längst verstorben, die er aber in seiner Literatur zur Liebe seines Lebens stilisiert hat?

(Man fragt sich schon, was wohl Frau Aleghieri davon hielt. Dennoch: Dante und Beatrice, das war rein platonisch!) 

Dante-Protagonist fragt also nach: Liebe allein bring niemanden in die Hölle - was ist passiert?
Und Francesca antwortet: 
Man habe ganz friedlich beieinander gesessen und hat gelesen. Einen Bestseller: Lanzelot! Und als Ritter Lanzelot sich in Guinevere verliebt habe, die Frau seines Königs - da sei man ganz blaß geworden. Und habe sich angesehen und gezittert. Und als Lanzelot Guinevere geküsst habe ... da habe auch Paolo seine Schwägerin geküsst.
Galeotto fu il libro e chi lo scrisse: quel giorno più non vi leggemmo avante.

Und zwar nicht, wirklich nicht, weil kurz danach bereits beide vom eifersüchtigen Ehemann und Bruder erschlagen wurden. Nein! Ein Kuss hätte da wohl nicht ausgereicht. Der Ehemann und Bruder wird sie wohl mindestens eine Dreiviertelstunde nach diesem ersten Kuss erwischt haben. Meine Güte! Muss man denn immer alles ausbuchstabieren?

Und Dante-Protagonist fällt vor Mitleid in Ohnmacht.

Was für eine Geschichte! Die Tragik des Paares, die schlimme Strafe --- Moment. Ist man denn bestraft, wenn man nun für immer mit dem Liebsten zusammen sein darf? Ja, sagt Dante-Dichter mittels Francesca: 
„Kein Schmerz kann mehr verwunden, 
Als der : im Elend freudenreicher Tage
Zu denken"...
Die Strafe ist also tatsächlich eine Strafe. Aber mit der Reue scheint es noch ziemlich weit her - zumindest Francesca, als redende, sich erklärende Person, schiebt die Verantwortung weit von sich. Paolo ist schuld (denn er hat sich zuerst verliebt), das Buch ist schuld (denn es hat sie auf dumme Ideen gebracht...) -- als haltlos, passiv, getrieben stellt sich Francesca dar (=stellt Dante-Dichter Francesca dar), ohne eigenen Sinn, Verstand, Anstand, Moral, Entscheidungsfähigkeit -- und genauso treibt sie nun im Wirbelwind des zweiten Höllenkreises.
Die Ärmste.

Lernen aus Büchern: 
Bücher sind gefährlich. Sie setzen einem Ideen in den Kopf. Man sollte diese Ideen genau prüfen, bevor man ihnen folgt.