Samstag, 14. November 2015

Deutsch für Flüchtlinge.

Seit vier Wochen ungefähr fahre ich dreimal in der Woche ins Übergangswohnheim und unterrichte dort Deutsch. Meine Schülerinnen sind drei junge Frauen um die 20, die vor einigen Wochen aus Eritrea gekommen sind. Sie begrüßen mich strahlend und nötigen mich, mich zu setzen. Dann gibt es erst einmal Tee. In das Teewasser im Wasserkocher werfen sie immer einige Nelken, sodass das Wasser eine leicht rostige Farbe hat und aromatisch duftet. Damit gießen sie dann schwarzen Tee auf, in den sie erstaunliche Mengen Zucker rühren - die einzige Süßigkeit, die ich bisher bei ihnen gesehen habe.
Oft gibt es dann auch noch etwas zu essen - meist eine Art Pfannkuchen mit einer extrem scharfen Sauce,  oder Salat, oder auch ein sehr leckeres, süßliches Hefebrot. In jedem Fall wollen Sie mir etwas anbieten, und ich kann ihnen die Gastfreundschaft nicht abschlagen - auch wenn ich oft gar keinen Hunger habe, weil mein Besuch außerhalb meiner eigenen Essenszeiten liegt, verstehe ich, dass sie mir etwas zurückgeben wollen.
Unterhalten können wir uns beim Essen noch nicht, aber das ist egal. Sie schwatzen miteinander, ich höre zu und freue mich, dass sie so fröhlich wirken. Nach ungefähr 20 oder 30 Minuten fangen wir an. Die Frauen holen ihre Collegeblöcke und Stiftemappen und wir beginnen mit einer kleinen Wiederholung. Wir haben mit ganz einfachen Phrasen begonnen. Ich heiße... ich komme aus... ich wohne in... Wenn wir ein Verb lernen, schreibe ich die Präsens-Konjugation in tabellarischer Form auf und markiere die Endungen farbig. Inzwischen achte ich sehr genau darauf, dass die Mädchen mitschreiben und auch korrekt abschreiben - meine Handschrift ist zwar gut, aber eben keine Druckschrift, und die lateinischen Buchstaben sind eindeutig nicht die erste Schrift, sondern fremd. Also korrigiere ich, damit sie nichts falsches lernen. Wir haben Begriffe zur Zeit (Stunden, Tage, Wochen, Wochentage, Monatsnamen) durchgenommen und die Zahlen. Zahlen sind schwierig, weil wir so blöd von hinten nach vorne zählen - einundzwanzig statt zwanzigeins. Aber Übung macht den Meister. Ich habe Supermarkt-Werbezettel mitgebracht und die Namen der wichtigsten Lebensmittel durchgenommen - gleich mit den Preisen (Zahlen üben!), damit sie auch dafür ein Gefühl entwickeln können.  Zuletzt haben wir uns verstärkt um Fragen und Antworten gekümmert - inklusive Satzbau mit Verb auf der Zwei (W-Fragen) und auf der Eins (Satzfragen).
Die Mädchen sind unterschiedlich schnell in der Auffassung, aber auch in der Konzentrationsfähigkeit. Eine kann bei weitem nicht so gut lesen wie die anderen und tut sich auch mit dem (lateinischen) Schreiben schwerer. Aber zu dritt gelingt es ganz gut, dass sie sich auch gegenseitig helfen können. Jede Woche geht es ein bisschen besser.  Und natürlich sind die Anfangserfolge die schönsten - wenn auf einmal Verständnis dämmert und sie anfangen zu strahlen, weil sie ein Wort oder ein Prinzip verstanden haben.
Ab Montag gehen zwei der drei fünf Stunden täglich in einen zwölf-wöchigen Intensivkurs. Die junge Mutter geht nicht mit, wahrscheinlich weiß sie nicht, wohin mit dem Baby. Ich werde so weitermachen wie bisher - nur dann eben nachmittags. Inzwischen habe ich auch ein bisschen taugliches Lehrmaterial aus Büchern, Heften, Internet zusammengetragen. So lernt die junge Mutter zwar weniger als ihre Freundinnen, wird aber nicht ganz abgehängt. Und die anderen beiden können das, was sie im Intensivkurs lernen, mit mir nacharbeiten und mit ihrer Freundin teilen - ich bin gespannt.

Samstag, 24. Oktober 2015

Zu Besuch im Containerdorf.

Heute war ich zu Gast im Containerdorf.
Die Freundin, der ich erzählt habe, dass ich mal DaF unterrichtet habe, hat mich beim Wort genommen. Heute hat sie mich drei jungen Frauen aus Eritrea vorgestellt, die sich vor 8 Monaten zu Fuß auf den Weg gemacht haben. Eine von den dreien war die ganze Flucht über schwanger und hat gleich nach ihrer Ankunft hier ein kleines Mädchen geboren. Mit dem Vater ist sie nicht verheiratet. Wer er ist? Wo er ist? Ob er auch ein Flüchtling ist? Ob das Kind in gegenseitiger Liebe gezeugt wurde? - keine Ahnung, und ich werde auch nicht fragen. Es geht mich nichts an. Aber ich kann mir kaum vorstellen wie es gewesen sein muss, zwei junge Frauen, Anfang 20 erst, gemeinsam auf der Flucht (die dritte kam erst hier in Deutschland dazu), dazu zu die Schwangerschaft... alleine in einem fremden Land, in dem man die Sprache nicht spricht, ein Kind zu bekommen...
Immerhin dank dieses Kindes, musste sie nur zwei Nächte in der Zeltstadt wohnen, bevor sie ein Zimmer im Containerdorf bekam - ein Doppelzimmer, ganz allein für sie und ihr kleines Töchterchen. Die Freundin, die sie die ganze Zeit begleitet und unterstützt hat, durfte auch ins Containerdorf, aber sie muss ihr Zimmer wahrscheinlich demnächst mit einer Fremden teilen. Unterbringungsmöglichkeiten sind rar geworden in den letzten Monaten.
Heute wurde zur Feier irgendeines Heiligen ein Festmahl aufgetischt. Die jungen Frauen haben gekocht - es gibt Pfannkuchen, die als Löffel dienen für die Linsen, das Kohlgemüse und das Fleisch in Paprikasauce. Höllisch scharf, aber köstlich! Wir sitzen beisammen und fremdeln ein bisschen, die Verständigung ist noch schwierig. Ein etwas älterer Mann, schon vor 27 Jahren aus Eritrea hierher gekommen, kann übersetzen und erzählt von den vergleichsweise komfortablen Umständen seiner Einreise nach Deutschland, damals. Er konnte sich den Schlepper aussuchen, kam mit dem Flugzeug, zahlte erst nach der Landung in Frankfurt. Heute zahlt man das fünffache im Voraus und geht zu Fuß teilweise durch Kriegsgebiete - Sudan, Libyen, Syrien, Libanon...
Die Stimmung ist gut. Alle sind etwas schüchtern, aber das Zimmer ist hell und sauber und hat eine Tür, die man schließen kann, um einmal für sich zu sein. Jetzt aber ist es voller Menschen, die einfach froh sind hier zu sein - und nicht mehr dort. Sie wollen Deutsch lernen, in die Schule gehen, arbeiten. Sie müssen warten. Schon die Registrierung ist zeitaufwendig. Bis ein Asylantrag gestellt werden kann, vergehen Monate. Bis über ihn entschieden wir vergeht noch mehr Zeit. Zeit, in der sie wenig tun können - denn woher den Sprachkurs nehmen, den man bräuchte, um in irgendeiner Form am Leben teilhaben zu können?
"Meine" Mädchen haben Glück. Sie haben einen gut integrierten Landsmann getroffen, der ihnen mit den Papieren und Behördengängen hilft. Sie haben meine Freundin getroffen, die ihnen mit dem Baby hilft (sie ist Hebamme) und sie zum Essen einlädt und auf den Rummel. Und die mich angesprochen hat, ob ich den drei Mädels nicht Deutsch beibringen könnte. Ich kann. Montag fangen wir an.

Donnerstag, 22. Oktober 2015

#bloggerfürflüchtlinge

Schon vor zwei Monaten, am 23. August las ich zum ersten Mal von der Aktion "Blogger für Flüchtlinge". Gleich mehrere Blogger in meiner Filterblase beteiligten sich bzw. waren gleich unter den Mitgründern der Aktion. 
Andere wiederum berichten regelmäßig auch ohne den Hashtag #bloggerfürflüchtlinge über Flüchtlinge und Vertriebene in Hamburg, in Deutschland, in der Presse.
Die Nachrichten sind voll davon und jeder hat eine Meinung.
Glücklicherweise ist die Meinung in meiner direkten Umgebung schlimmstenfalls zurückhaltend-indifferent. Vielleicht liegt es daran, dass unsere familieneigenen Flucht-und Migrationserfahrungen weniger als eine Generation entfernt sind:
Meine Großeltern, mein Vater, mein Onkel, meine Tante wurden mit der gesamten Dorfgemeinschaft von den Russen vertrieben - das ist jetzt etwa 70 Jahre her, mit dieser Geschichte bin ich aufgewachsen. Und obwohl es nur um ca. 400 km ging in ein Land, dessen Sprache man sprach und dessen Kultur man teilte, so waren mein Vater und seine Geschwister zeitlebens entwurzelt - denn sie sind nicht freiwillig gegangen.
Mein Bruder, wie ich aufgewachsen mit Erasmus-Programm und Europäischer Union, ist nach dem Studienabschluss mit dem Umweg über Portugal nach Spanien ausgewandert, wo man als Architekt leichter Arbeit fand als in der Studienstadt Aachen - ich glaube nicht, dass er zurück kommt. (Es ist sehr schön, da in Spanien.) Auswandern, damit es ihm woanders besser geht - ein klassischer "Wirtschaftsflüchtling"! Von den drei Söhnen meiner Tante lebt einer in den USA und einer in Australien, weil sie dort Arbeit und die Liebe gefunden haben - ebenfalls "Wirtschaftsflüchtlinge"?
Und wenn schon! Sie wollen arbeiten, sie dürfen arbeiten, und so profitieren alle Seiten davon.
Das ist auch wissenschaftlich belegt. (Und wenn ich den Link wiederfinde, reiche ich ihn nach.)

Bisher hat mir gegenüber jedenfalls noch niemand geäußert, dass "wir" "das" nicht "schaffen" - entschuldigt die ganzen Gänsefüßchen, aber wer ist "wir"? was heißt "das" genau? Definiere mal "schaffen" - was soll denn das Ziel sein? Und über welchen Zeitraum?
Ich habe zwar den Verdacht, dass auch ich Verwandte, Freunde oder Bekannte habe, die sich direkt oder indirekt unwohl fühlen bei dem Gedanken an die wachsenden Flüchtlingszahlen. Bestimmt machen sich viele Gedanken darüber, wie "man" mit der Situation umgehen kann, soll oder muss. Fakt ist aber, dass nur sehr sehr wenige sich bisher persönlich damit beschäftigen wollen oder müssen - es ist immer noch sehr einfach, die konkreten Personen, die täglich in Deutschland ankommen, zu ignorieren, an ihnen vorbeizuleben, ihnen im Stadtbild aus dem Weg zu gehen.

Ich will das nicht mehr. Ich habe sogar meinen facebook-Account wieder aktiviert, weil das offenbar die einzige/beste Möglichkeit ist herauszufinden, was in meiner Stadt benötigt wird, was ich tun kann. Und ich habe einer Freundin erzählt, dass ich früher mal Deutsch als Fremdsprache unterrichtet habe. Ich habe noch Lehrmaterialien aus der Zeit, ich habe Zeit, und ich habe die Erfahrung.
Was ich nicht habe? Irgendeine Ausrede, nicht zu helfen.



Mitlesen, mitmachen oder spenden könnt Ihr hier:
http://www.blogger-fuer-fluechtlinge.de/

Donnerstag, 19. Februar 2015

Schreckgespenst Studienabbruch.

Im Durchschnitt, so liest man, brechen 25 % der Studierenden ihr Studium ab - abhängig vom Fach variiert die Quote auf bis zu 30%. Daran hat auch die Bologna-Reform nichts geändert.
Immerhin - seit der Bologna-Reform machen sich immer mehr Hochschulen Gedanken darüber, warum das so ist, und wie man Studienabbrüche verhindern kann. Das ist schon einmal eine gute Entwicklung.  Selbst renommierte technische Hochschulen können sich nicht mehr darauf ausruhen, dass sich eben nur "die Besten" durchsetzen - wenn es einen Fachkräftemangel gibt, kann man eben nicht die paar Interessierten auch noch aktiv vertreiben. (Ich spreche nicht vom Senken der Anforderungen, sondern von Hilfestellung bei Schwierigkeiten.)

Vor ein paar Tagen äußerte sich Dominikus Herzberg, Informatikprofessor an der THM Giessen, in einem Artikel in der ZEIT und forderte frei kombinierbare Studiengänge, in denen Studierende ihre Stärken kombinieren und "Problemfächern" ausweichen könnten, denn "zu viele Studierende brechen ihr Studium wegen Problemfächern ab". Dies sei auch ein Problem für die Industrie, die eher an den Stärken als an den Schwächen der Absolventen interessiert sei.
"Das eine Unternehmen hätte kein Problem mit einem Informatik-Studenten, der mit dem Pflichtfach "Theoretische Informatik" nicht klarkommt. Ein Bachelor-Zeugnis mit einem Ersatz-Fach, sagen wir "Smartphone-Programmierung", wäre kein Problem. Hauptsache ein Bachelor-Zeugnis. Ein anderes Unternehmen, das sich etwa auf Steuersysteme für Autos spezialisiert hat, will die Theoretische Informatik im Zeugnis nicht missen. Die Mitarbeiter sollen die feinsinnigen theoretischen Grundlagen beherrschen, die eine Software für das Bremssystem zuverlässig und robust machen. Was sich in der Welt da draußen an Diversität nicht ausschließt, wird an der Hochschule zu einem Problem und macht Bildungsläufe kaputt." (Link aus dem Artikel)
Nun gibt es aber Gründe, warum erfahrene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über Jahrzehnte hinweg Studiengänge konzipiert haben, Studienordnungen geschrieben, Pflichtfächer definiert und Mindeststandards eingeführt. Denn nicht nur in den berufsbildnahen Fächern ist es nützlich, erst Grundlagen zu lernen und erst dann Vertiefungsfächer zu wählen, wenn man einen Überblick über die zu erlernende Disziplin gewonnen hat. Vielleicht kannte man Teilbereiche des Faches bisher gar nicht, oder hatte eine falsche Vorstellung davon, wie es sich entwickelt? Studienprogramme bieten eine Hilfestellung in der Orientierung innerhalb eines Faches, und in einem Großteil der Fälle ist diese Hilfestellung auch notwendig. Ob das Studienprogramm in seiner Aufteilung sinnvoll war, kann man eigentlich erst nach der Prüfung beurteilen.

Komplett selbst zusammenstellbare Studiengänge sind hingegen weltweit sehr selten. In Deutschland kenne ich - abgesehen von einigen Schnupperstudienmodellen wie dem Tübinger Leibniz Kolleg, für das es aber keinen BA-Abschluss gibt - nur das Studium Individuale an der Leuphana Universität. Und selbst hier werden die Studierenden mit einigen Pflichtmodulen Forschungsmethoden oder Projektarbeit zumindest beim reflektierten Erwerb akademischen Arbeitens unterstützt. Das Auswahlverfahren ist sehr streng und begünstigt Menschen, die ein genaues Lernziel haben gegenüber "Schmetterlingen", die sich für alles ein bißchen und für nichts richtig interessieren. Es erfordert eine hohe Eigenmotivation, Selbstorganisation und Zielstrebigkeit. Meines Erachtens ist es eher geeignet für Menschen, die schon etwas Berufserfahrung gesammelt haben, und dabei ihre Wissenslücken schon definieren konnten.

In einem kurzen Twitter-, dann E-Mail-Austausch mit Prof. Herzberg habe ich diese Meinung auch geäußert. Zusammengefasst gibt es sehr unterschiedliche Gründe, für einen Studienabbruch, die ich in diesem Blog noch einmal besser strukturiert wiederzugeben versuche...

Mögliche Gründe für Studienabbruch
 können z. B. sein:
a) man studiert das falsche Fach/ Studiengang (und sattelt um)

b) man ist an der falschen Hochschule (und zieht um)

c) man ist an der falschen Hochschulform (und wechselt zu FH oder BA oder Uni...)

d) man ist an einem Studium eigentlich nicht interessiert/nicht dafür gemacht/hatte falsche Vorstellungen (und macht z.B. besser eine Ausbildung)
Diese Fälle kann man möglicherweise durch bessere Informationen und Beratungsangebote vor Aufnahme des Studiums vermindern oder zumindest begleiten/abfedern. Den Studierenden kann man nur raten, die Informationsangebote auch rechzeitig zu nutzen. Aber manchmal muss man eben schon im Wasser sein, um entscheiden zu können, ob es zu nass ist oder zu kalt oder zu tief oder ob man gegen Chlor allergisch ist. 
Meines Erachtens sollten Studierende, Hochschulen und Dozierende aber froh sein, wenn die Studierenden ihre Fehlentscheidung innerhalb der ersten zwei Semester merken und nicht viel Zeit verlieren. Im Gegenteil: es ist als Erfolg zu werten, wenn es zu informierten (!) Neuorientierungen kommt. Denn in fast allen Fällen bedeutet Abbruch nicht gleich "Versagen: obdachlos unter der Brücke" - sondern höchstens: eine andere Biographie als erwartet.
e) man wird durch biographische Einflüsse vom Studium abgebracht (aber gründet vielleicht ein erfolgreiches Startup, oder eine Familie, oder...)
Wenn man selbst oder Familienangehörige krank werden oder sterben, wenn man überraschend eine gut bezahlte Stelle im Ausbildungsberuf oder Nebenjob erhält, wenn einem die Stadt nicht gefällt oder man Liebeskummer hat, oder man selbst oder die Freundin schwanger wird, kurzum: wenn eines von unzähligen Ereignissen eintritt, die unser Leben beeinflussen - dann kann es zum Studienabbruch kommen. Da kann aber auch die beste Studienberatung nichts ändern. Studierende bringen ihr eigenes Leben mit, und die Hochschule ist davon nur ein Teil, und nicht immer der wichtigste. 
(Ausnahme: Geldsorgen sollten niemals ein Grund für den Studienabbruch sein - Bafög und Stipendien sollten das eigentlich verhindern. Dennoch kommt es vor - leider - denn es ist ein politisch leicht lösbares Problem.)
Aber von Studienabbrechern konkrete Gründe für den Abbruch zu erfahren ist schwierig - die meisten Absolventenbefragungen sind freiwillig, und wer im Zorn oder Frust geht, der wird sie wohl meiden.  Leider sind die Statistiken zum Studienabbruch über alle Studiengänge hinweg sehr ungenau. In der Regel werden nur einzelne Bewegungen erfasst, keinesfalls aber konkrete Studienbiografien. Das heißt, es gibt eine Schwundquote (von x Studienanfängern sind noch x-n im 2. Semester, x-n-n im 6 Semester etc), die aber keinerlei Aussage darüber trifft, wie erfolgreich ein einzelner Studierender ist. Ein oder zwei Semester länger zu studieren erfüllt viele Bacherloranwärter bspw. mit Panikattacken - dabei wird sich ein sorgfältiges Studium auf lange Sicht möglicherweise sogar auszahlen. Auch ist es schwierig, Fachwechsel konkret nachzuverfolgen - ein Fachwechsler ist aber nicht unbedingt ein Studienabbrecher. In den alten Diplom-/Magisterstudiengängen war es noch schwieriger, weil Studierende ermutigt wurden, nach der Zwischenprüfung die Uni zu wechseln -- und dadurch in der Statistik zum Abbrecher wurden.
Solange wir individuelle Studienbiographien nicht über Hochschul-, Stadt- und Länderwechsel hinweg verfolgen können, bleibt jede Aussage spekulativ.
Immerhin scheint es eine Tendenz zu geben. Fächer, die gerade am Anfang eine schlechte Abbrecherquote haben ( z. B. Informatik, Ingenieure)  haben auch gute Absolventenquoten - viele Abschlüsse in der Regelstudienzeit mit ordentlichen Noten.
Ich schließe daraus, dass v.a. die Leute schwinden, die falsche Erwartungen an das Studium hatten bezüglich Inhalten, Arbeitsaufwand, Interesse, und die anderen übrig bleiben.
 f) man fällt durch eine oder alle Prüfungen (und ergreift die Option a, b, c, d, e)
Ein solcher Fall hat den o.g. Artikel ausgelöst.
Das ist bedauerlich, besonders wenn es, wie im Artikel geschilderten Fall, die "employability" des Studierenden nicht im geringsten beeinflusst hätte. Natürlich sollten die Grundlagen des Faches beherrscht werden, aber wegen eines Vertiefungsfaches das gesamte Studium nicht anerkannt zu bekommen - tragisch. Selbst wenn ein Jurist das erste Staatsexamen nicht besteht, so hat er/sie doch 4-5 Jahre lang Jura studiert und versteht davon mehr, als jemand, der/die das nicht getan hat. Dennoch ist er/sie eben kein/e Jurist/in, und das ist auch in Ordnung.
Nicht in Ordnung ist es, dass Unternehmen sich bei Ihren Stellenbesetzungen so selten genau damit auseinandersetzen, was die gesuchte Person auf der ausgeschriebenen Stelle eigentlich können muss - wird ein Volljurist überhaupt benötigt? Hier ist die Wirtschaft in der Pflicht. Die Fixierung auf formale Kriterien bei gleichzeitigem Wunsch nach eierlegenden Wollmilchsäuen bietet Menschen mit "krummen" Biographien (oder unerwarteten Abschlüssen, Stichwort: Geisteswissenschaften in der Wirtschaft) wenig Chancen, sich zu beweisen. 
Vielleicht ist der Fachkräftemangel/Akademikermangel eben doch nicht so groß, wie immer behauptet wird?



Statistik für Motive zum Studienabbruch (2000/2008)
 http://de.statista.com/statistik/daten/studie/75078/umfrage/studium---motiv-fuer-den-abbruch/

Prof. Herzberg bloggt unter 
http://denkspuren.blogspot.de/








Mittwoch, 20. August 2014

Bremen Wissenschaftsplan 2020

Der Esel aus Wesel ist schon weiter als das Bremer Grautier.  

Bremen hat den Wissenschaftsplan 2020 veröffentlicht. Erwartungsgemäß war niemand so richtig begeistert. Das ist jetzt erstmal nicht ungewöhnlich - es ist für die Politik nicht leicht, es allen recht zu machen, und zur Bildungspolitik haben viele Menschen eine Meinung (wenn auch nicht immer eine fundierte, gut begründete). Dass aber Hochschullehrende gemeinsam mit Studierenden protestieren, ist dann doch eher ungewöhnlich.
Was also steht in diesem Plan? (Erinnert die Benennung eigentlich noch jemanden an sozialistische 5-Jahres-Pläne? Planwirtschaft hat schon für die Wirtschaft nicht so dolle funktioniert... ob das bei Bildungsaufgaben besser geht?)
Wenn man sich durch die teilweise erschreckend hohlen Phrasen von  einmal durchgearbeitet hat, werden einige Dinge mit erstaunlicher Deutlichkeit gesagt:
1. Die Mittel werden eingefroren. Man ist stolz darauf, dass sie nicht sinken. Da zugleich Kosten steigen (Tarifsteigerungen etc.) führt das zu einem faktischen Stellenabbau bei gleichzeitig steigenden Studierendenzahlen.
Investitionen in die Zukunft sehen anders aus.
Nun ist Bremen bekanntlich klamm. Das liegt auch daran, dass viele der gutverdienenden Bremer ihre Steuern im Umland zahlen, wo sie ein Haus im Grünen haben. Mittel nicht kürzen zu müssen könnte also für die Senatorin bei den Haushaltsverhandlungen schon ein Erfolg gewesen sein. Was kann sie noch tun? Genau: sparen. Und hier offenbart sich der eigentliche Mangel des Wissenschaftsplans.
2. Profilbildung. Die Bremer Hochschulen haben in den letzten Jahren erfolgreich ihre Stärken ausgebaut, Exzellenzcluster gebildet, Kooperationen begonnen, Forschung vorangebracht - übrigens besonders stark in den stets als "Problemkind" behandelten MINT-Fächern. Nun sollen sie dieses Profil ausbauen - das ist ok, man sollte nach seinen Stärken spielen. Zugleich sollen aber alle anderen Fächer, vor allem die kleinen, wenig nachgefragten, komplett auf den Prüfstand gestellt werden. "Wenig nachgefragt" heißt dabei leider immer explizit "vom Arbeitsmarkt nachgefragt". Und genau das halte ich für problematisch. Universitäten und Hochschulen sind nicht dazu da, ausschließlich für den Arbeitsmarkt auszubilden. Zum einen, weil dieser sich und seine Bedarfe laufend verändert. Zum anderen, weil Hochschulabsolventen neue Impulse in die Betriebe bringen sollen. Dazu müssen sie aber neues und anderes Wissen in die Unternehmen tragen als dort ohnehin vorhanden ist. Auch das fällt unter Diversity (nicht nur ethnische oder geschlechtliche Vielfalt).
Auch sollen "doppelte" Angebote, also Studiengänge, die von mehreren Hochschulen angeboten werden. zusammengelegt werden. Dies finde ich erstaunlich, denn offenbar sind sie ja alle ausgelastet. Auch ergibt das nur Sinn vor der Annahme, dass die Ausbildung an Universitäten und Fachhochschulen nicht nur gleichwertig ist, sondern auch die gleichen Ziele verfolgt. Und diese Annahme ist nicht richtig - oder war es nicht. Seit der Bologna-Reform hat sich das geändert.
3. Fehler in der Bologna-Reform. Der große Fehler in der Bologna-Reform ist m. E. nicht, dass man die Abschlüsse geändert hat (obwohl man sich schon fragen kann, ob das nötig war), sondern dass man die Chancen des ausdifferenzierten deutschen tertiären Bildungssystems dabei nicht beachtet hat.  
Universitäten, die mit dem Ziel angetreten waren, Akademiker auszubilden, waren immer forschungsorientiert. Die berufliche Praxis, für die sie ausbildeten, war die akademische Praxis. Dass die Lehre auch für zukünftige Akademiker aus didaktischer Perspektive oft noch ausbaufähig war, will ich nicht bestreiten - aber das war die Aufgabe der Universitäten, und das haben sie gut gemacht.
Fachhochschulen, Berufsakademien, Pädagogische Hochschulen etc. hingegen waren immer praxisorientiert. Forschung spielte eine geringere Rolle, dafür war der Kontakt in die Wirtschaft gut, die Lehre war anwendungsbezogen. Genau das, was "die Wirtschaft" angeblich forderte, und was die Universitäten, nach eigenem Selbstverständnis und Bildungsauftrag, weder liefern konnten noch wollten. Zugleich standen die Absolventen in der Hierarchie (meßbar an Gehaltsstufen) aber deutlich niedriger als die "richtigen" Studierenden (die also doch irgendetwas besser können mussten)...
Zwei parallel existierende Bildungsinstitutionen, mit klaren (didaktischen) Profilen, unterschiedlichen Bildungsaufträgen und Zielgruppen. Logisch wäre es nun gewesen, beiden  Institutionsformen zu helfen, diese Profile zu schärfen: Die Universitäten hätten nur forschungsorientierte Studierende aufgenommen, also sich auf "unpraktische" liberal arts, alle Staatsexamen (z.B. Jura) sowie Master und Doktorandenausbildung konzentrieren können. Die Fachhochschulen hätten die deutlich berufsbezogenen Studiengänge übernommen, in denen sie ohnehin schon stark waren, und diese bis zum Bachelor geführt - die talentiertesten hätten zum Master an die Universitäten wechseln müssen.
Stattdessen bekamen die Universitäten den Auftrag, mehr Praxis in ihre Lehre zu bringen (womit sie überfordert waren und teilweise immer noch sind, und zwar ganz nachvollziehbar und verständlich), während die Fachhochschulen auf einmal mehr forschen sollten (forschendes Lernen ist auf einmal ganz groß) - etwas, wofür sie nie ausgerichtet waren. Um die Profile noch weiter zu verwischen, heißen die FHs jetzt alle "Hochschule" oder gar "University of applied sciences" (obwohl "science" nur die Naturwissenschaften bezeichnet), und neuerdings wird immer mehr auch über ein Promotionsrecht gestritten (als bräuchten wir mehr Promovierte...) - ein klarer Versuch, sie in der Hierarchie mit den Universitäten gleichzustellen. Dennoch macht sie das -notgedrungen- nur zu Universitäten zweiter Klasse - besser wäre es gewesen, sie in ihrem Profil zu stärken und ihnen dafür im gesellschaftlichen Diskurs mehr Anerkennung zu geben.
Nachdem nun also die ursprünglichen Profile "Forschung" vs "Praxis" erfolgreich vermischt wurden, sollen die Hochschulen neue Profile bilden, diesmal auf der Basis von Inhalten, also Fachdisziplinen. Und hier kommt das größte Problem.
4. Keine bildungspolitische Vision. Im Wissenschaftsplan 2020 wird ausdrücklich nur solchen Disziplinen eine Existenzberechtigung eingeräumt, für die "ein regionaler Bedarf ... seitens des Arbeitsmarktes besteht" (S. 25). Das ist gleich mehrfach problematisch: zum einen können wir den regionalen Bedarf nicht für mehrere Jahre in die Zukunft absehen (was passiert denn, wenn z.B. AIRBUS ebenfalls "Profilbildung" betreibt, und das Bremer Werk schließt, oder bspw. mit Stade zusammenlegt? Wird dann auch der Studiengang Luft-und Raumfahrttechnik geschlossen?). Zum anderen sollte die Politik, und vor allem die Bildungspolitik, nicht den Realitäten hinterherlaufen, sondern sie entwickeln und mitgestalten. Hochschulen können unternehmerisches Denken und Handlen fördern und unterstützen, aber die Geschäftsideen kommen von kreativen jungen Absolventinnen und Absolventen - und aus allen Fachrichtungen.
Auch in anderer Hinsicht vermisst man eine vorausschauende Weichenstellung - Stichwort: digital literacy. Während eine große Mehrheit der Deutschen Informatik als Pflichtfach an den deutschen Schulen fordert, unternimmt Bremen nichts, um zukünftige Generationen mit Grundkompetenzen für das Verständnis, geschweige denn die Gestaltung des digitalen Wandels auszustatten. Zuerst einmal müssten natürlich Lehrer/innen ausgebildet werden, dann Lehrpläne entwickelt, dann - in frühestens fünf Jahren - flächendeckender Informatikunterricht eingeführt werden. Das wäre auch ein Impuls für die Schulpolitik.
Natürlich muss nicht jeder später Informatik studieren und Programmierer/in werden - "literacy" steht für "Alphabetisierung", also lesen und schreiben lernen. Danach muss man kein Poet oder Literaturwissenschaftlerin werden. Es wäre fatal, wenn unsere Kinder als Digital Natives die digitale Welt, in die sie hineingeboren werden, nicht verstehen und beherrschen lernten. Für uns ist es (vielleicht) zu spät.
Aber der Wissenschaftsplan soll ja die Zukunft gestalten. Er verwaltet sie nur.

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Bildquelle: http://www.kdg-wesel.de/typo3temp/pics/Konny_der_Esel_1c878a7934.jpg

Samstag, 22. März 2014

Das Lied vom Fachkräftemangel - Symphony of Science

Da zerbrechen sich die Damen und Herren wer-auch-immer den Kopf, weil angeblich Fachkräfte fehlen, aber wen genau sie damit meinen, das sagen sie nicht.
Altenpfleger_innen werden sicherlich gesucht. Bei Akademiker_innen ist es schon nicht mehr ganz so einfach - man will Ingenieur_innen. Informatiker_innen. Naturwissenschaftler_innen. Kurzum, die MINT-Fächer, und da - angeblich - gerne auch Frauen.

(Im Moment zweifle ich das noch ein bißchen an, weil die MINT-Branche immer noch so ein selbstverstärkendes Ökoystem ist: Es ist ein männerdominiertes Feld, das ist für Frauen nicht attraktiv, sodass es männerdominiert bleibt... Und bisher herrscht auch keine rechte Willkommenskultur (für niemanden, Geschlecht egal), weil man sich so sozialdarwinistisch gibt. Oder sollte ich sagen: mathematik-darwinistisch? Jedenfalls: die paar armen Gestalten, die gerne ein MINT-Fach studieren möchten, werden in den ersten Semestern so stark ausgesiebt und so wenig unterstützt, dass ein bis zwei Drittel das Studienfach abbrechen oder wechseln. Und darauf sind sie dann auch noch stolz, weil ja nur "die Besten" übrigbleiben. Also, wenn wir wirklich einen MINT-Nachwuchsmangel hätten, dann könnte man sich ein solches Vorgehen eigentlich nicht leisten.
Nein, ich meine nicht, dass man die Ansprüche senken sollte. Aber man kann die Studiensituation verbessern. Wenn ich Kindern das Schwimmen beibringe, dann schmeiße ich sie auch nicht (mehr) ins tiefe Wasser und verleihe allen, die nach 30 Minuten nicht ertrunken sind, das "Seepferdchen". Vielmehr hole ich mir ausreichend qualifizierte Schwimmlehrer und starte mit Schwimmflügeln und einfachen Übungen im flachen Wasser. An den Anforderungen für die "Seepferdchen"-Prüfung ändert das nichts - aber die Wahrscheinlichkeit, dass die jungen Schwimmschüler_innen a) überleben b) weiter Spaß am Schwimmen haben c) den Freischwimmer machen möchten -- die steigt.Auf dem Weg zu olympischem Gold/dem Physik-Nobelpreis dünnt sich das Feld dann ganz von alleine aus. Aber mit echten Nobelpreisträger_innen kann "die Wirtschaft" wahrscheinlich ohnehin nicht viel anfangen - dort reichen meist kompetente "Schwimmer_innen" aus.)

Und wie begeistert man die Menschen für die Großen Naturwissenschaftlichen Fragen?
Mit Musik und Sprechgesang!


Wenn Du einen Apfelkuchen backen willst, musst du erst das Universum erfinden!
http://symphonyofscience.com

Donnerstag, 9. Januar 2014

Das Buch im Zeitalter des Internets.

Ein Buch  zu schreiben ist schon schwierig. Ein Buch zu veröffentlichen ist noch viel schwieriger.
So weit die Binsenweisheit.
Und sie gilt natürlich nur für den "richtigen" Buchmarkt.

"Buch" heißt dann: von einem Verlag betreut (Lektorat, Layout, Marketing), auf Papier gedruckt, zwischen Buchdeckel gebunden, und mit ISBN-Nummer versehen im Buchhandel erhältlich.
Der Autor/die Autorin kann sich im Falle einer solchen Kooperation mit einem Verlag auf das eigentliche Schreiben des Textes konzentrieren. Man reicht beim Verlag ein Exposé ein, erhält einen Vertrag und einen Vorschuss, schickt irgendwann einen Rohtext, der mehr oder weniger stark lektoriert wird, und der Verlag kümmert sich um den Rest: Marktanalyse (will das jemand lesen? kann man damit Geld verdienen? Gibt's das schon?), Marketing, und technische Details wie Layout, Papierwahl, Drucktype etc.
Diese Arbeitsteilung scheint sich über die Jahrhundert bewährt zu haben, und offenbar können sowohl Buchverlage davon leben, als auch die Autorinnen und Autoren. Letztere bekommen, so stellt man sich das vor, einen Vorschuss und mindestens bei mehrfachen Auflagen eine Gewinnbeteiligung in Form von Tantiemen, erstere können nicht nur ihre eigenen Gehälter zahlen, sondern auch die der am Buchentstehungsprozess beteiligten Personen: Lektoren, Layouter, Drucker, Buchhalter, Marketingfritzen etc.Der Buchmarkt boomt, entgegen aller Krisen des Gutenberguniversums, denn Menschen kaufen und lesen nach wie vor Bücher, nicht wenige davon erstaunlich schlecht und unnütz.

Der buchschreibende Nachwuchs weiß natürlich, dass die große Hürde ist, überhaupt von einem Verlag angenommen zu werden - zumal es da noch die Hackordnung unter den Verlagen gibt. Es gibt wichtige, ernsthafte, seriöse, große Verlage - und kleine, feine, schöngeistige Nischenverlage - und natürlich auch Schundverlage.
Und, in Zeiten  des Internets, natürlich book-on-demand, vanity-Verlage und Blogs, und vielerlei weitere Möglichkeiten, sein Geschreibsel zu "publizieren", wobei in diesen letzeren Fällen die Publikationshürde zwar erfreulich niedrig ist, aber auch niemand die Qualität der Texte begutachtet (mit allen Vor-und Nachteilen) und der Autor/die Autorin auf einmal allerlei Aufgaben (Layout, Lektorat) selber erfüllen oder zumindest selber bezahlen muss, für die andere Menschen eine dreijährige Fachausbildung absolviert haben. Das kann natürlich gut gehen. Muss aber nicht. Dennoch rät das "Handbuch für Autoren" von diesem Weg ab - wer ein gutes Buch schreiben kann, der kann dafür auch einen seriösen Verlag finden. Dem Autor/der Autorin alle Kosten aufzudrücken ohne ein wie auch immer geartetes Gehalt zu zahlen sei hingegen unseriös - von solchen "vanity publishern" solle man sich fernhalten.

Ein guter Rat, es sei denn, man ist Wissenschaftler/in, und per Promotionsordnung zur Publikation der Forschungsergebnisse (=Doktorarbeit) gezwungen. Je nach Disziplin ist es da mit einem Aufsatz in einer Fachzeitschrift nicht getan, auch Onlinepublikationen werden (noch) nicht gebührend innerhalb der Fachgemeinschaft wahrgenommen - oft zählt, gerade in den Geistes-  und Kulturwissenschaften, nur das Buch, in seiner oben beschriebenen Form.
Der Autor/die Autorin wird damit automatisch zum leicht erpressbaren Bittsteller. Zwar können die (renommierten) Verlage die Manuskripte ablehnen, selbstverständlich können sie das. Wenn sie aber zusagen, heißt das nicht, dass man nun seine Arbeit als Rohtext einreicht, ein Lektorat erfolgt, bei dem die akademische Sprache etwas gelindert oder der Fußnotenwald etwas gelichtet wird.
Man bekommt vielmehr einen Vertrag, in dem man alle Autorenrechte abtritt (inklusive Film-,Fernsehen und Audioversionen) und den Auftrag, einen "Druckkostenzuschuss" einzuwerben. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich der geforderte Betrag (was ist überhaupt ein Zuschuss - etwa ein Drittel? die Hälfte? Zwei Drittel?) nicht nur als volle Übernahme der Druckkosten, sondern auch als volle Übernahme sämtlicher Kosten, die der Verlag hat.

(Zum Teil wird dabei sogar noch willkürlich ein Aufschlag erhoben, der sich mit tatsächlich entstehenden Kosten nicht erklären lässt. Zum Beispiel, wenn man einfach mal willkürlich für jede Abbildung (schwarz-weiß!) 5,- Euro Aufschlag verlangt. Letzteres ließe sich für den Vertrag begründen mit dem nötigen Layout (das aber der Autor/die Autorin macht), oder (früher mal) dem Rastern (das aber seit Digitaldruck nicht mehr nötig ist), oder Bildrechten (die der Autor/die Autorin kaufen müsste und deren Nachdruck ohnehin in s/w und bei enstprechend geringer Größe als Bildzitat rechtlich unbedenklich wären). Oder aber mit dem teueren Druck, nur dass es eben keinen Cent mehr kostet, eine Seite mit S/W-Text oder S/W-Bild zu drucken. (Ich spreche nicht von Farbdruck, das ist ein ganz anderes Thema.) Kurzum: willkürlich. Macht in meinem Fall, denn ich schreibe dies natürlich nicht zufällig auf, fast 1800,- Euro.)

Das gesamte wirtschaftliche Risiko wird also auf den Autor/die Autorin abgewälzt. Als "Entlohnung" werden Belegexemplare und der zu erwartende Scheck der VG-Wort in Aussicht gestellt. Und natürlich gibt es endlich die ersehnte Urkunde, Ruhm und Ehre, und von der Steuer lässt sich das alles natürlich auch absetzen. Hurra.

Vanity Publishing in Reinform. 
Oder man macht es eben doch online.